Wir nähern uns Europa wieder an. Mit der Fahrt von Mérida nach Cancún springt die Uhr im Zug eine Stunde vor, und kurz hinter Valladolid trennen uns nur noch fünf Stunden von Hamburg. Der Tren Maya… eine Erfahrung, die wir nicht missen möchten. Aber nach acht Stunden von Palenque nach Mérida und weiteren vier heute steht fest: Diese Erfahrungen reichen uns.
Das ehrgeizige Wunderwerk, dieser große Kreis, den der Zug um Yucatán zieht, mag technisch beeindruckend sein. Logistisch ist er es (noch?) nicht. Nicht wegen des fehlenden Bordrestaurants, das durch ein trauriges Bistro ersetzt wurde, sondern wegen der Bahnhöfe, die wirken, als hätte man sie am Rand der Welt abgestellt. Vor allem: Niemand weiß so recht Bescheid. Die Bahnhofsuhr von Mérida stand eingefroren auf zwölf. Anzeigetafeln: schwarz. Informationssysteme: tot. Und während die Kontrollen in Palenque streng waren, waren sie in Mérida fast schon komisch lasch: Scanner ausgeschaltet, Drogenhunde im Halbschlaf.
Für uns ist klar: Beim nächsten Mal wieder Bus. ADO wäre unsere Wahl: modern, günstig, zuverlässig, kommunikativ.
Nun aber sind wir in Cancún, einer der berühmtesten Karibikstädte. Es regnet, 25 Grad fühlen sich kühl an. Unseren Mietwagen holen wir wie gebucht bei Localiza ab. Erwartungsgemäß versucht man uns teure, unnötige Versicherungen aufzuschwatzen. Wir wehren ab, steigen in einen Nissan March, der uns bis zum Ende der Reise begleiten soll.
Die Idee, direkt nach Chichén Itzá zu fahren, haben wir längst verworfen. Auf den letzten Metern wollen wir Ruhe, nicht Action.
Also fahren wir in die Zona Hotelera, diesen legendären Strandabschnitt Cancúns auf einer langgezogenen Insel. Doch zwischen den Hochhäusern und Hotelpalästen ist kein Hauch Karibik zu sehen. Mein Eindruck von vor über 30 Jahren bestätigt sich. Und mehr noch: Diese Zone ist amerikanischer als Miami Beach. Alle US-Hotelketten vertreten, in den Malls Gucci und Louis Vuitton neben Applebee’s und Woolworth’s. Der ganze Ort schreit: Tourismus!
Wir fliehen. Unser Zimmer im Hotel Villa du Golf liegt in einer ruhigen Wohngegend. Ein kleines Haus mit nur sechs Zimmern, jedes schöner als das andere. Unseres heißt Sweet Suite, groß, gemütlich, mit französischen Impressionen an den Wänden. Lavendelfelder, Atlantikstrände.
Zum Abendessen gehen wir zu Fuß ein paar Minuten bis zur Hauptstraße. Das Restaurant ist eher eine Bar, Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Kurz nach uns fällt eine Horde asiatisch-amerikanischer Jungs ein. Sie beachten weder uns noch die Mädchengruppen, die ebenfalls hier an Drinks nippen. Sie wollen saufen. Ganz klar. Spring breaker. Irgendwann werden sie sich gemütlich untereinander oder mit anderen prügeln oder ins Cocktail-Koma fallen. Wir werden es nicht erleben, sondern gehen zurück in die Geruhsamkeit unseres Refugiums. Der Besitzer des Boutique-Hotels: ein Pariser, seit 14 Jahren in Cancún. Leider ist das Haus ausgebucht. Zwei Nächte bleiben uns, bis wir unsere Wohnung in Playa del Carmen übernehmen. Wir müssen uns also etwas einfallen lassen.
Booking & Co. bieten viel, aber nicht das, was wir wollen. Die Hotelzone ist uns zu teuer, zu amerikanisch, zu laut. Zwei Hotels in der Stadt Cancún sehen wir uns an, streichen sie sofort: zu voll, zu schrill, zu… zu. Mit ihnen streichen wir auch gleich Cancun.
Also fahren wir Richtung Playa del Carmen. Viel Verkehr, in beide Richtungen. Hinter dem Flughafen wird es ruhiger. Unser erster Halt: Puerto Morelos. Wer den Reiseführern glaubt, erwartet ein verträumtes Fischerdorf und wird schnell wach. Ja, ein paar Boote liegen an der hölzernen Pier, Pelikane wachen darüber. Aber an Land hat der Tourismus längst das Kommando übernommen. Nicht so wild wie in Cancún, aber die vielen Baustellen lassen ahnen, wohin die Reise geht. Wer Micheners „Die Kinder von Torremolinos“ gelesen hat, um dann den Ort an der spanischen Mittelmeerküste zu besuchen, weiss, wovon ich rede.
Etwas außerhalb von Playa del Carmen haben wir uns ein Hotel ausgeguckt: das Casa Kaola. Wir fahren am Gelände des Countryclubs vorbei, der ab Sonntag unser Zuhause sein wird, passieren die erstaunlich große Stadt mit ihren Automeilen und Malls. Das Hotel ist okay. Unsere Suite erstreckt sich über zwei Etagen, der große Pool gehört uns allein. Für zwei Nächte perfekt, ohne Auto allerdings undenkbar.
Im Restaurant am Pool bedient uns ein Argentinier, der davon träumt, eines Tages in Barcelona zu leben. Wir träumen von der Wohnung ab Sonntag, wollten eigentlich noch in die Mall fahren, ein paar Dinge für den Kühlschrank besorgen. Aber dann bleiben wir einfach sitzen. Genau hier. Genau jetzt.