Der Tag beginnt überaus harmlos, was ja bei uns überhaupt nichts heißen soll. Uns ist nach Markt, also bestellen wir ein Auto und machen uns auf den Weg. Der Mercado Medellín schlägt wie ein warmes, farbiges Herz im Stadtteil Roma Sur. Zwischen alten Porfiriato-Häusern, schattigen Avenidas und Cafés voller junger Kreativer öffnet sich ein Markt, der nach Karibik duftet. Überall hängen Flaggen, Händler rufen, Kinder huschen zwischen Obstkisten hindurch. Reife Mangos, frisch gemahlener Kaffee, kubanische Gewürze, kolumbianische Arepas. „La Pequeña Habana“ ist weniger Spitzname als Realität. Der Markt erzählt von Migration, vom Erdbeben 1985, von jüdischen Händlern, die gingen, und lateinamerikanischen Familien, die blieben und den Ort mit Leben füllten. Wir sind entsprechend begeistert. Ganz besonders von den riesigen Schweinekrusten, die ich wohl so sehnsüchtig angeguckt habe, dass mir der Händler ein Stück abbricht. Was soll ich sagen? Einfach großartig – und die Gelegenheit, die Cholesterinsenker kurz mit dem Fuß unters Bett zu schubsen. Natürlich bin ich versucht, ein ordentliches Stück Chicharrón einzukaufen, bleibe aber standhaft mit Blick auf die frittierte Schweineschwarte, die hier in riesigen, papierdünnen, knusprigen Platten gestapelt wird.
Draußen trägt die Roma Sur denselben Rhythmus: Cantinas, Bäckereien, Taquerías, Fassaden voller Geschichten. Mexico City, dieser urbane Dschungel, rauscht im Hintergrund. Millionen Menschen, Busse, Stimmen, ein ständiges Pulsieren. Mit dem Bus geht es weiter ins Zentrum, wo die Stadt ihre historische Schichtung zeigt.
Der Museo Mural Diego Rivera ist unser Ziel. Ein einziger Raum, geschaffen für ein einziges Werk: Riveras „Sueño de una tarde dominical en la Alameda Central“. Mehr als 150 Figuren ziehen durch die Alameda: Revolutionäre, Aristokraten, Arbeiter, Fantasiegestalten. Rivera verwebt sie zu einem Traum, der Mexikos Geschichte erklärt, sie spürbar macht. Das hätten wir uns gern live und in Farbe angesehen, aber es klappt nicht: Das Museum wird gerade renoviert und im Mai wieder eröffnet.
Vor der Tür beginnt der Spaziergang durch die echte Alameda. Der Park liegt zwischen Museum und Palacio de Bellas Artes. Straßenmusiker, Brunnen, Luftballonverkäufer, der Duft von Mais und Kaffee – ein lebendiger Korridor, der direkt auf die goldene Kuppel des Palastes zuführt. Je näher man kommt, desto stärker leuchtet der Carrara-Marmor, als würde das Gebäude selbst atmen.
Der Palacio de Bellas Artes ist ein Monument aus mehreren Zeiten: begonnen unter Porfirio Díaz, vollendet Jahrzehnte später, außen europäisch, innen Art Déco. Bronze, Onyx, geometrische Strenge und darüber die großen Murals von Rivera, Siqueiros, Orozco. Keine Dekoration, sondern politische Kommentare in Farbe und Form. Wir sind höchst beeindruckt, halten vor den Murals inne, können uns andererseits aber auch an dem reinen Art Déco begeistern. Einfach hinsetzen, angucken, staunen.
Gegenüber, im achten Stock des Sears-Kaufhauses, befindet sich das Café Don Porfirio. Ein Geheimtipp, der längst keiner mehr ist: ein schmaler Balkon und der vielleicht ikonischste Blick der Stadt. Wir gucken, machen ein Bild und hauen wieder ab. Der Laden gefällt uns nicht.
Weiter führt der Weg über den Paseo de la Reforma, diese breite Achse voller Monumente und Geschichte, bevor ein Uber uns ein anderes Gesicht der Stadt näherbringt: den Mercado Abelardo L. Rodríguez. Juan hatte davon gelesen, und zum Glück sind wir dort gelandet. Alles, was uns hier vor die Augen kommt, macht einfach sprachlos.
Hinter den schweren Rundbögen der 1930er-Jahre öffnet sich ein Markt, der zugleich Werkstatt, Bühne und politisches Archiv ist. Zwischen Fleischständen und dampfenden Fondas hängen Murals von 1934. 1.450 Quadratmeter revolutionärer Bildsprache. Arbeiterkämpfe, Minenarbeit, antifaschistischer Widerstand. Die Fresken stehen mitten im Lärm des Alltags, nicht hinter Glas. Mittendrin unzählige kleine Fressstände, die jetzt zur Mittagszeit bombig laufen. Wir sind zu feige, das alles mal zu probieren. Montezuma. Wir erinnern uns.
Der Markt ist ein Labyrinth aus Schneidereien, Boutiquen, Arbeitskleidung, Schusterwerkstätten, Kräuterläden. Neonlicht, gestapelte Kartons, Plastikpuppen mit schiefen Perücken. Ein hinreißender Ort, der nichts beschönigt und wahnsinnig lebendig ist.
Draußen setzt sich der Rhythmus fort: Werkstätten, Tortillerías, Druckereien, Cafés für Arbeiter, nicht für Flaneure. Geschichte liegt hier nicht in Museen, sondern in den Fassaden, in den Stimmen, im Staub der Straßen. Unzählige Klamottenläden, gefälschte Shirts, echtes Leben. Viel aus dem Reich der Mitte, einiges auch hier angefertigt. In diesem Viertel geht es nicht um Schickimicki, hier wird beinhart verkauft, was das Zeug hält. Zwischendrin immer wieder Murals, Straßenmusiker, Händler. Bunt, laut, toll! Ab und zu flüchten wir in irgendeine Kirche, finden da einen Moment Ruhe und vor allem mal eine Sitzgelegenheit, bevor es wieder weitergeht.
Der Rückweg führt über den Zócalo, wo Müdigkeit und Hunger sich langsam bemerkbar machen. Ein paar Tacos im Centro Histórico, Regen setzt ein, die Straßen glänzen, und die Stadt atmet schwer, während wir nach Hause fahren. Erfüllt von einem Tag, der sich anfühlt wie ein winziger Streifzug durch die vielen Schichten dieser riesigen Stadt.