Mexico City. Grandios.

Die ersten Stunden in dieser Stadt fühlten sich an wie ein leichtes Schwindeln nach zu viel Sonne: Man weiß, man ist angekommen, aber der Boden bewegt sich noch ein wenig. Knapp vier Stunden dauerte der Flug von Panama nach Mexico City.

Uns erwartet nicht nur mal wieder eine ganz andere Welt, sondern auch andere Temperaturen: höchstens 25 Grad, morgens eher frisch – eine echte Wohltat. Unser Check-in verlief problemlos, die Bude in der Versalles hatten wir über Booking gebucht: Wohnzimmer mit offener Küche, zwei Schlafzimmer, Bad. Großzügig und ein bisschen abgewohnt, aber für fünf Nächte kein Problem.

Gestern reichte die Kraft gerade noch für ein paar Nudeln beim Italiener an der Ecke – ein Teller, der vermutlich schon seit Porfirio Díaz’ Zeiten genauso schmeckt, nur dass er heute das Doppelte kostet. Mexiko ist eben kein Weinland, das merkt man schneller als einem lieb ist: teuer. Dafür ein Bierland, und was für eins – kalt, zuverlässig, tröstlich und sehr lecker.

Der heutige Morgen beginnt im pseudo-chicen Apartment in der Calle Versalles, wo der Kühlschrank gestern schnell besorgte Joghurt- und Granola-Becher ausspuckt, die sich ein bisschen so anfühlen wie Vogelfutter für Menschen, die sich einreden, sie seien auf Detox.

Kaum sind wir draußen, lernen wir unser Barrio Juárez mit seinem Buenos-Aires-Flair ein bisschen besser kennen: ein Hauch Palermo, nur mit mehr Kabeln über den Straßen und weniger melancholischen Tangoklängen. Dass dieses Viertel einst Colonia Americana hieß und im frühen 20. Jahrhundert die aufstrebende Mittelschicht beherbergte, sieht man noch an den Fassaden, die sich gegen die Zeit stemmen: ein bisschen Art déco, ein bisschen Porfiriato, ein bisschen „Wir haben schon Schlimmeres überstanden“.

Wir laufen über den berühmten Paseo de la Reforma, der sich wie ein breiter Strom durch die Stadt zieht. Unter unseren Füßen liegt das ehemalige Texcoco-Seebecken, das die Azteken einst mit Dämmen, Kanälen und schwimmenden Gärten gezähmt hatten. Heute zähmt es niemand mehr, und die Stadt sinkt jedes Jahr ein paar Zentimeter tiefer. Ein langsames, aber konsequentes Erinnern daran, dass man hier eigentlich nicht bauen sollte. Alle zehn Meter ein neues Kapitel: ein Konvent aus der Kolonialzeit, der schon bessere Zeiten gesehen hat; eine Fassade, die sich vehement gegen den Smog stemmt; ein Monument, das vermutlich irgendjemandem gewidmet ist, der Wichtiges tat, aber heute nur noch als Fotohintergrund dient; eine Plastik, die man entweder als Kunst oder als Unfall interpretieren kann. Es ist richtig spannend, all das zu sehen und zu genießen. Übrigens spürt man den Geist des Franziskus von Assisi und seinen Franziskanern in dieser erzkatholischen Stadt an jeder Ecke.

Wir schlendern am imposanten Museo de Bellas Artes vorbei, begutachten Franziskaner-Kirchen und Hinterhöfe, landen letztlich in einer großen Fußgängerzone, die uns mit den üblichen globalen Verdächtigen empfängt: Zara, H&M, alles, was man auch in Wanne-Eickel bekäme. Dazwischen kleine Läden, die verkaufen, was man nicht braucht, aber vielleicht doch sofort haben möchte. Und Straßenhändler, die neben selbstgemachtem Schmuck alles Mögliche anbieten. Wir kaufen nichts, begutachten alles.

Schon von weitem taucht der berühmte Zócalo auf, dieser Platz, der früher Plaza Mayor hieß und auf den Ruinen des aztekischen Templo Mayor errichtet wurde. Heute ist er abgesperrt wie ein Hochsicherheitstrakt. Shakira hat hier gestern ein Konzert gegeben, und offenbar war halb Mexiko anwesend. Die Reste des Konzerts hängen noch in der Luft, als hätten die Azteken selbst beschlossen, für einen Abend Popkultur zu tolerieren.

Rund um den Platz wieder unzählige Verkäufer, dazwischen Akteure in Kostümen, die bei jedem Anblick einer Kamera sofort das internationale Zeichen für „Kohle her“ zwischen Zeigefinger und Daumen machen.

Die Kathedrale, sonst ein Monument der Erhabenheit, ist gerade eine einzige Baustelle. Sie wurde über Jahrhunderte gebaut, teilweise mit Steinen aus dem zerstörten Templo Mayor – ein architektonisches „Wir waren hier zuerst“, das heute ironischerweise selbst gestützt werden muss, weil der Untergrund nachgibt.

Im Inneren findet gerade eine Messe statt, übertragen über Bildschirme, weil das Gotteshaus so groß ist, dass man sonst nur ahnen könnte, wo der Priester steht. Die Mischung aus Weihrauch, Baustellenstaub und Andacht ist so mexikanisch wie ein Taco al Pastor. Die in Plastik verschnürten Heiligen wird das alles nicht stören.

Wir schlendern weiter, sehen ungeheuer viel schwer bewaffnete Polizei, sicher noch Reste der Absperrungen, aber auch erhöhte Wachsamkeit nach den Auseinandersetzungen mit den Kartellen in anderen Landesteilen und dem Tod von El Mencho, dem wohl mächtigsten der Drogenbarone.

Nach zwölf, dreizehn Kilometern melden sich die Füße mit einer Mischung aus Protest und Resignation. Hunger und Durst tun ihr Übriges. Das Restaurant El Zalcón wirkt wie eine Oase – und ist es auch für uns. Wir sind die einzigen Touristen im Lokal, aber sowas hat uns ja noch nie gestört. Ein Süppchen, Tacos, ein bisschen Huhn, ein Bier, zwei Espressi: Die Welt ist wieder in Ordnung.

Für den Heimweg rufen wir ein Uber, denn unsere Beine haben beschlossen, dass Demokratie auch bedeutet, sich verweigern zu dürfen.

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