Mexico City. Facettenreich.

Es ist früh am Morgen, die Luft noch kühl, die Kaffeemaschine blubbert vor sich hin. Während der erste Kaffee durchläuft, reden wir über unseren Tagesplan, darüber, dass wir uns ein wenig in jener Gegend umsehen wollen, in der Frida Kahlo und Diego Rivera gelebt haben. Ein beiläufiges Gespräch, das sich wie von selbst ausdehnt. Von Hölzchen auf Stöckchen landen wir plötzlich bei Maximilian, diesem österreichischen Erzherzog, der sich als Kaiser in ein Land schicken ließ, das ihn nie wirklich wollte. Eine Geschichte voller Idealismus, Naivität und Machtpolitik, weit weg und doch erstaunlich nah, wenn man sie hier erzählt, in einer Stadt, die ihre eigenen Brüche kennt und nie vergisst.

Beim zweiten Kaffee taucht Leo Trotzki auf, fast zwangsläufig. Vielleicht, weil beide Männer in Mexiko endeten. Der eine hingerichtet auf einem Hügel in Querétaro, der andere ermordet in einem kleinen Haus in Coyoacán. Vielleicht auch, weil Mexiko ein Land ist, das Geschichten nicht nur bewahrt, sondern in seine Straßen einschreibt.

Obwohl wir wissen, dass der Weg weit ist, steigen wir in ein öffentliches Verkehrsmittel, das hier camión heißt, Lastwagen. Wir sind die Last, die Stadt stellt den Wagen. Sechs Pesos pro Person, knapp dreißig Cent, und der Bus fährt eine gute Stunde lang durch die Stadt, als wolle er sie erst gründlich durchpflügen, bevor er uns irgendwo ausspuckt. Die Sitze sind hart, die Fenster beschlagen, draußen ziehen die Viertel vorbei: erst dicht und grau, dann immer noch dicht, aber heller, moderner.

Der Bus hält. Wir steigen aus. Und plötzlich ist alles anders: Die Luft klarer, die Geräusche gedämpfter, die Straßen schmaler. Coyoacán empfängt uns ohne großes Tamtam. Wir laufen einfach los, ganz bewusst, denn die milden 24 Grad wollen wir noch einmal auskosten. Morgen wird es wieder zehn Grad wärmer. Mindestens.

Wir schlendern durch ruhige Straßen, vorbei an niedrigen Häusern mit schweren Holztüren, und suchen das Trotzki-Haus. Es liegt nur wenige Minuten von Frida Kahlos Casa Azul entfernt und wirkt doch wie ein anderer Kontinent. Hohe Mauern, gesicherte Fenster, ein Eingang, der nichts verspricht. Ein blutrotes Eingang zu einem Haus, das sich schützt und dennoch weit öffnet.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, in Trotzkis Küche zu stehen, in sein Schlafzimmer zu blicken, ins Bad, ins Büro. Alles wirkt, als sei es gestern benutzt worden. Im Garten stehen noch die Hühner- und Kaninchenställe des Revolutionärs. Die Tiere sind inzwischen aus Keramik, aber mit derselben stillen Beharrlichkeit. Und dort, unter einer roten Fahne, die Gräber von Trotzki und seiner Frau. Ein stiller Ort, der lange nachhallt.

Fast hätten wir das Gartenhäuschen in einer Ecke des Grundstücks übersehen. Und das wäre ein Fehler gewesen. Auf winzigen Stühlchen hockend sehen wir eine dreiteilige Dokumentation über Trotzkis Leben. Zwei Stunden lang sitzen wir wie festgewurzelt und tauchen ein in ein Leben, das Weltgeschichte nicht nur begleitet, sondern mitgeschrieben hat. Wir sind die einzigen, die sich das von A bis Z ansehen. Andere gehen nach ein paar Minuten, ein junger, dicklicher Amerikaner haut fluchtartig nach dem Wort socialism in den Untertiteln ab. Was hat er gedacht? Dass hier die Mariachi singen?

Vom Trotzki-Museum gehen wir weiter. Die Casa Azul, in der Frida Kahlo und Diego Rivera gelebt und gelitten haben, ist nur ein paar Straßen entfernt und hat vermutlich in so manchem Baumarkt für Rekordumsätze gesorgt: Dieses Blau des Hauses  findet man überall im Viertel. Den Besuch haben wir längst gestrichen: nur Online-Tickets, lange Wartezeiten. Nach dem Trotzki-Haus fühlt sich die Entscheidung noch richtiger an. Vor dem Eingang läuft das Merchandising-Geschäft heiß: Frida als Shirt, Tasse, Ohrring, Buch, Poster, was immer man bedrucken kann. Viel Rummel, und dazwischen ein paar Touristen mit diesem seltsam entrückten Blick der Hardcore-Fans. Nein, nichts für uns.

Um diese beiden berühmten Häuser spannt sich ein Viertel auf, das seine Vergangenheit nicht versteckt. Wir stoppen, weil plötzlich noch ein Kahlo-Museum auftaucht – angeblich das Elternhaus. Fünfzehn Euro Eintritt. Kann man machen. Muss man nicht. Alles, was irgendwie Frida ist oder sein könnte, wird aufpoliert und zu Markte getragen.

Viel weniger Radau um sich macht die Kirche San Juan Bautista am großen Platz. Schräg gegenüber laufen wir in die Markthalle, die nach warmen Tortillas und frischem Koriander duftet, aber auch viel Buntes anbietet, das irgendwie nach China riecht. Das Viertel ist voller Leben, auch, weil gerade eine Buchmesse in Zelten stattfindet.

Coyoacán erzählt Geschichten in Fassaden, Gerüchen, Schatten. Ein buntes, vergnügliches Viertel mit viel Gastronomie. In einem Restaurant essen wir üppige Tacos, und die vielen Kalorien laufen wir uns auf dem langen Weg zur Metro wieder ab. Die U-Bahn ist nichts für Klaustrophobiker: keine Klimaanlage, Menschenmassen, die sich ineinander verkeilen. Wir sind erleichtert, als wir nach langer Fahrt wieder Tageslicht sehen.

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