Lima. Anden vs. Pazifik.

Der Sonntag beginnt gelassen im Quechua Hotel Cusco. Frühstück, dann steht um Viertel vor zehn das Taxi bereit. Acht Grad, die Luft noch frisch.

Am Flughafen herrscht ungewöhnlich viel Betrieb, doch wir warten geduldig auf den Latam‑Flug nach Lima. Gleich nach dem Start öffnet sich ein grossartiges Panorama: die Anden wie ein zerklüftetes Relief unter uns, darüber nur Himmel. Wolken verdichten sich, bis nach 85 Minuten eine riesige Stadt erscheint. Lima. Zehn bis zwölf Millionen Menschen, zusammengewachsen mit der Hafenstadt Callao, 11.000 Kilometer südwestlich von Hamburg. Erst mit einer großen Schleife über den Pazifik setzen wir zur Landung an. Es zieht sich alles, bis die Maschine ihren Platz gefunden hat. Dann wird es auch schon wieder anstrengend: lange Fußwege durch den Ankunftsbereich..

Schon beim Verlassen des Terminals schlägt uns die feuchte Wärme entgegen. Die Luft klebt auf der Haut, gemischt mit dem metallischen Geruch von Abgasen. Ein Uber wartet jenseits der Straße, während über uns irgendwelche Vögel kreischen, rundherum irgendwelche Autos hupen. Die Fahrt führt durch Callao, bis wir endlich in Lima ankommen.

Fast eine Stunde fahren wir, grosse Strecken entlang der Küstenstraße direkt am Pazifik. Rechts der Ozean mit Surfern und Sonnenanbetern, links steile Felsen, über denen sich prominente Viertel ausbreiten. Wir passieren San Isidro, wo die Wohlhabenden wohnen. Unser Ziel: Barranco, ein bohemienhaftes Viertel direkt am Meer. An der Avenida del Sol Este checken wir ein, fahren in den 14. Stock. Der Blick aufs Meer begeistert: moderne Nachbarschaft, Mittelstandshäuser, und oben im 21. Stock ein Pool mit Sitzgelegenheiten. Paare mit Rotwein, Leser, Dösende. Atmosphäre pur. Unser Apartment ist zweckmäßig, kunterbunt und für vier Übernachtungen völlig ausreichend. Bevor man hier meckert, sieht man einfach einen Moment auf den Ozean und ist schon wieder bester Dinge.

Barranco müssen wir erst noch entdecken. Wir haben das Quartier ausgesucht, weil es den Charme eines Künstlerviertels haben soll: Graffiti an den Mauern, kleine Galerien, Boutiquen, Cafés. Wir werden sehen.

Gegenüber liegt Miraflores, das touristische Zentrum. Auch Zukunftsmusik. Nach kurzem Ausruhen scheitert der Waschmaschinen‑Plan, zu wenige Maschinen für das grosse Haus und alle belegt. Also Supermarkt, Einkauf im „Holi“, ein paar hundert Meter entfernt: Wasser, Kaffee, Mango, Haferflocken, Joghurt.

Der Körper spürt den Wechsel von 4.000 auf null Meter, von zehn auf 27 Grad, dazu über 70 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Am Abend reicht es gerade noch für einen Snack im schicken Restaurant „Le 173“: Wantan mit Hack und Gemüse, Garnelen mit Mandeln, dazu ein Bier Cusqueña als Abschied von Cusco. Das Publikum wirkt in diesem Strassenrestaurant eher wie Timmendorfer Strand als Andenausläufer. Um acht Uhr schlafen wir erschöpft ein.

 

Lima, Tag 1

Erster Blick auf den Pazifik gegen fünf. Am Morgen liegt ein grauer Schleier über dem Meer und der Stadt. Selbst bei Sonne wirkt der Himmel matt, die Sicht verschwimmt. Vom 14. Stock mischt sich Abgasgeruch mit salziger Meeresluft. Ein leichtes Brennen in den Augen? Wir werden sehen.

Wir wollen (nachdem wir die Wäsche in einen Waschsalon geschleppt haben) erstmal sehen, was der historische Kern von Lima zu bieten hat.

Die Fahrt ins Zentrum dauert 30 bis 40 Minuten, führt durch hochmoderne Neubaugebiete mit relativ hohen Häusern. Keine Skyscraper, aber 25 bis 30 Stockwerke sind schon fast Standard. Mühsam erreicht unser Fahrer die Altstadt. Dort verdichtet sich Geschichte: Am Plaza Mayor reihen sich Kathedrale, Regierungspalast und Rathaus. Monumente einer kolonialen Bühne. Blasmusik kündigt den Wachwechsel am Palast an – weiße Uniformen, rote Mützen, schwarze Stiefel, Stechschritt hinter Palastgittern. Ein koloniales Ritual, das die Szene in eine Mischung aus Theater und Realität taucht. Hier sehen wir auch ganz vereinzelt ein paar Frauen in andinischen Trachten. Aber auch nur hier, wo mit Sicherheit Touristen herumstreichen.

Ein kurzer Spaziergang führt nach dem Besuch der Kathedrale zum San‑Francisco‑Kloster mit barocken Kreuzgängen und Katakomben. Zufällig entdecken wir die Basilika San Rosario, hellblau und weiss und überraschend schön. Aber langsam geraten wir in die Phase, nicht mehr zwanghaft jedes Gotteshaus besuchen zu müssen. Wieviele Kirchen haben wir auf dieser Reise schon abgegrast? Kaum noch zu zählen.

Es ist warm, aber zum Glück liegen in diesem Teil der Stadt ausschließlich ebene Strassen vor uns. Ist auch ohne Steigungen und Gefälle anstrengend genug.

Durch eine lange Fußgängerzone gehen wir weiter nach Südosten, trinken irgendwo hervorragende Säfte: Mango und Melone. Pur und ohne Eis und einfach grossartig.

Ein roter, geschwungener Torbogen öffnet das Barrio Chino, Chinatown. Düfte, Stimmen, Farben. Restaurants locken mit gebratenem Reis und Lomo Saltado, Winkekatzen winken, Wahrsager beschreiben Schicksale, die üblichen Accessoires fürs bevorstehende chinesische Neujahrsfest werden auf der Strasse verkauft und verlocken aus Schaufenstern. Nur: Die Betreiber sind Peruaner, nicht Chinesen. Ein Viertel, das seine Wurzeln bewahrt, aber längst Teil des peruanischen Alltags geworden ist. Ich habe einmal gelesen, dass das Barrio tatsächlich von Chinesen geschaffen wurde, die dann aber das Weite gesucht, das Terrain komplett den Gastgebern überlassen haben. Sehr, sehr seltsam. Wir spekulieren, dass irgendwo steinreiche Chinesen die Fäden in der Hand haben, aber die Einheimischen für sich schuften lassen. Dafür gibt es keinen einzigen gesicherten Hinweis. Aber… Der peruanische Kellner im Dim Sum House verweist auf das bevorstehende Neujahrsfest, Drei Tage lang mit Drachenumzug. Da würden dann auch Chinesen kommen. Wir bleiben skeptisch. Mal sehen, ob wir uns das Getümmel antun werden.

Zurück nach Barranco quält sich der Uber durch den Verkehr. Himmlische Ruhe im Apartment, Füße hoch, entspannen.  Ein Blick auf den Pazifik: stahlgrau.

Gegen Abend brechen wir noch einmal auf. Zusammen mit vielen anderen stehen wir oben auf der über dem Meer liegenden Promenade, dem Malecón de Barranco, und schauen zu, wie die Sonne im Pazifik versinkt. Wir wandern durch gepflegte Parks und wunderbare Grünanlagen, immer mit Blick auf das Meer. Ein Spaziergang zum Sonnenuntergang in Barranco fühlt sich an wie ein Übergang zwischen Bohème und Weite. Die Klippen fallen steil ins Wasser, und die Sonne sinkt langsam hinter den Horizont.

Dieses Viertel ist das poetischste von Lima – ein Ort der Künstler, Musiker und alten Villen mit hölzernen Balkonen, deren Pastellfarben im Abendlicht zu glühen beginnen. Wir fühlen uns hier richtig wohl. Es ist schwer, einen Vergleich zu finden: Architektur aus vergangenen Zeiten neben modernen, niedrigen Bauten; Menschen aller Ethnien, die das Leben einfach zu genießen scheinen. Eine sonderbare, unvergleichliche Atmosphäre.

Ganz entspannt machen wir uns auf den Weg zur berühmten Puente de los Suspiros – der „Brücke der Seufzer“. Man sagt, wenn man sie zum ersten Mal überquert und dabei den Atem anhält, geht ein Wunsch in Erfüllung. Drücken wir uns mal die Daumen. Unter uns führt die Bajada de los Baños hinunter zum Meer, gesäumt von alten Häusern, Bougainvillea und farbenfrohen Wandmalereien. Wirklich atemberaubend.

Langsam färbt sich die Welt apricot, dann rosa. Der Himmel über dem Pazifik wirkt anders als über dem Atlantik, weiter, klarer, dramatischer. Die Sonne versinkt nicht einfach, sie gleitet. Und wenn sie den Horizont berührt, scheint sie kurz zu zögern.

Dann erwacht Barranco neu: Bars öffnen ihre Türen, Kerzen werden angezündet.

Hätte man uns in Puno oder auch in Cusco erzählt, dass es in Peru auch so einen Ort wie Barranco gibt, wir hätten es wahrscheinlich bezweifelt. So ungeheuer unterschiedlich ist diese Welt von der Welt hoch oben in den Anden.

Wir suchen uns eine schöne Terrasse in einem Restaurant namens Luna Nueva, essen eine Kleinigkeit und genießen einfach den Abend.

Was wir an diesem Tag alles erleben: die historische Altstadt, einen wundervollen Markt auf dem Weg nach Chinatown – und nun auch noch Barranco. Auf dem Heimweg schauen wir noch kurz im La 173 vorbei, trinken einen spanischen Tempranillo und sind einfach begeistert von diesem Tag.

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