La Paz – Puno. Ein Tag zum Abhaken.

La Paz schläft noch, als wir unser Hotel früh um sechs verlassen. Auf dem Bus-Terminal dagegen herrscht schon geschäftiges Treiben. Frauen aus den umliegenden Provinzen kommen mit ihren Waren an, farbenfroh gekleidet, konzentriert, entschlossen. Es ist ein lebendiges Bild – und zugleich eines, das viel über die Härte des Alltags erzählt. Zwischen den Reihen im Wartesaal  sehen wir Menschen, die betteln oder Kleinigkeiten verkaufen.

Es ist kalt, die meisten indigenen Frauen haben sich in Decken gewickelt, die doofen Bleichgesichter (wir!) haben so etwas gar nicht dabei. Aber Juan entdeckt zum Glück in einer dunklen Ecke eine kleine Kneipe, in der uns ein freundlicher Wirt heißen Kaffee serviert. Ein kurzer Moment der Wärme.

Dann beginnt die Fahrt. Der Trans-Salvador-Bus von La Paz nach Puno ist in die Jahre gekommen: klapprig, zugig, schlicht. Kein WLAN, eine Toilette, die man lieber meidet, und ein Fahrer, der Verspätungen mit stoischer Gelassenheit hinnimmt. Sobald wir die Innenstadt hinter uns lassen, öffnet sich das Panorama der Vorstädte: Wolken, Regen, graue Hügel, einfache Häuser. Zwei Stopps ohne Erklärung.

Das Altiplano zeigt sich hier von seiner rauen Seite. Nicht die weite, stille Schönheit, die wir an anderen Stellen erlebt haben, sondern ein Band aus Siedlungen, halbfertigen Häusern, verstreuten Kühen und Müll. Wir sind müde und etwas reizbar. Das junge schwedische Paar vor uns liest und scrollt, völlig unberührt von der Landschaft. Wir dagegen suchen mit jedem Blick aus dem Fenster nach etwas, das uns einfängt. Noch in Bolivien taucht der Titicacasee zum ersten Mal auf – aus der Ferne kaum zu erahnen, wie groß er wirklich ist.

In Desaguadero erreichen wir die Grenze. Der Ablauf zieht sich: Ausreise, Einreise, Zoll. Erst wird das Gepäck händisch kontrolliert, weil der Scanner streikt, dann funktioniert er wieder und alles geht plötzlich schnell. Zwei Stunden, die sich länger anfühlen. Zusätzlich stellen wir die Uhr eine weitere Stunde hier zurück. Peru-Zeit.

Auf der peruanischen Seite ändert sich das Bild kaum. Die Dörfer wirken dichter, die Farben kräftiger, die Häuser oft unvollendet. Es gibt viele Schafe und vereinzelt mal ein Lama. Ein kurzer Halt an einem Laden, der auf Google Maps Quiosco Ladrones heißt, Räuber-Kiosk. Nomen est omen. Drinnen Suppe, Huhn, Reis – für uns zu überhöhten Preisen und ein Wechselstube mit Phantasiekursen. Draußen Schafe und ein erster Blick auf den peruanischen Teil des Titicacasees, der für einen Moment Ruhe verspricht.

Doch die Fahrt bleibt anstrengend. Die Strecke ist dicht besiedelt, die Landschaft wirkt zerrissen, und immer wieder taucht Müll auf. Wir sind auf fast 4000 Metern unterwegs, und der See begleitet uns jetzt wie ein stiller, riesiger Spiegel. Als wir näher ans Ufer kommen, zeigt er seine ganze Weite – ein Anblick, der trotz allem berührt.

Der Titicacasee, höchstgelegener schiffbarer See der Welt, ist ein Naturwunder, das unter Druck steht: Überfischung, Verschmutzung, sinkende Pegel, eingeführte Arten. Und dennoch trägt er Geschichten, Mythen, Identität. Ein See, der viel aushält. Vielleicht passt er gerade deshalb zu unserer heutigen Stimmung.

Dass der Bus das Terminal in Puno nicht anfahren kann, überrascht uns kaum noch. Ohne Erklärung werden wir auf einer Avenida abgesetzt. Zum Glück finden wir schnell ein Taxi.

Puno empfängt uns mit der Fiesta de la Virgen de la Candelaria, einem Fest, das die Stadt vollständig einnimmt. Trommeln, Tänze, Blaskapellen, gesperrte Straßen. Laut, bunt, voller Energie. Ein Ausnahmezustand, der insgesamt zwei Wochen dauert (von denen drei Tage noch fehlen) und Menschen aus dem ganzen Land anzieht. Kostüme wie in Rio zum Karneval, fröhliche Menschen, staunende Menschen. Das Fest hat seine Ursprünge im Christentum, ist aber auch von den unterschiedlichen indigenen Völkern in dieser Gegend stark geprägt.

Unser Hotel dagegen ist ernüchternd. Oscar’s Inn hat die Preise wegen des Festes verdreifacht. Wir wussten es, es war das letzte Zimmer in ganz Puno. Fensterlos, kalt, eine kaputte Lampe, Steckdosen ohne Funktion. Entzückend…

Draußen leuchtet die Plaza in Farben und Musik. Wir lassen uns ein bisschen treiben, schauen in die Kathedrale, essen eine Pizza, und kehren schließlich zurück in unser karges Zimmer. Morgen früh um sieben geht es weiter. Ein Tag, der uns fordert und den wir trotzdem nicht missen möchten.

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