La Paz. Märkte und Magie.

La Paz. Tag 1 – Die Stadt hebt ab

La Paz beginnt für uns mit einem Aufschwung. Wir wollen mit den Teleféricos fahren, einsteigen in das größte urbane Seilbahnnetz der Welt, gebaut von einer österreichischen Firma, seit 2014 stetig erweitert und lange nicht so teuer wie Hamburgs Elbphilharmonie. Heute spannt es sich über etwas mehr als dreißig Kilometer – ein technisches Wunderwerk in einer Stadt, die wie ein zerklüfteter Kessel in den Anden hängt. Und ausgerechnet ich soll da jetzt hineinschweben. Zuhause ist bei meiner Höhenangst schon ein dreistufiger Tritt eine Herausforderung.

An der Station Central geht es los. Ein leises Surren, ein Ruck, und die Stadt fällt unter uns weg. Juan wird mir später erzählen, dass ihm ganz schön mulmig zumute war. Bei mir ist es komischerweise anders: Die Angst rutscht zur Seite, macht Platz für Staunen.

Die rote Linie trägt uns über Dächer, Straßen und ein Gewirr aus Backstein und Blech. Dann öffnet sich unter uns ein Anblick, der gleichzeitig erschüttert und fasziniert: der Cementerio General. Von oben wirkt er wie eine zweite Stadt, streng geordnet, dicht gebaut, monumental. Der Tod ist hier kein abgeschlossener Raum, sondern Teil des Alltags, Teil des Marktes, Teil der Stadt.

Wir steigen oben auf einem Plateau um in die gelbe Linie. Neben uns sitzt ein gut gekleideter Mann, der uns von den Cholets in El Alto erzählt, farbigen, geometrischen Palästen der neuen Aymara-Elite. Eventhallen, die aussehen wie futuristische Tempel. Familien, die sich mit diesen Gebäuden sichtbar machen, stolz, laut, unübersehbar. „Früher hat man uns Cholos genannt“, sagt er. „Jetzt bauen wir Cholets. Wir haben das Wort zurückgeholt.“ Sein Lachen füllt die Gondel.

Dann spricht er von den Yatiris, den traditionellen Heilern, die nicht unten im touristischen Hexenmarkt arbeiten, sondern oben, in Vierteln wie Villa Pabón oder Kupini, wo die Luft dünner wird und die Rituale schwerer. „Dort oben“, sagt er, „hören die Berge zu.“

Mit der celeste Linie gleiten wir zurück Richtung Zentrum, steigen an El Prado aus und tauchen zu Fuß in die Stadt ein. Die Gassen werden enger, lauter, bunter. Zwischen Marktständen drängen sich Menschen, die alles verkaufen, was man tragen kann: Socken, Mangos, Schrauben, Schulhefte, Zahnbürsten, Hühnerfüße, Handyhüllen. Das Leben ist hart hier, jedes Geschäft zählt. Jeder versucht, sich irgendwie durchzuschlagen. La Paz ist ein einziger Marktplatz, der sich über Hügel und Täler ergießt. Jede freie Fläche wird genutzt, jede Stufe, jede Ecke.

Schließlich stehen wir vor der Basilica de San Francisco an der gleichnamigen Plaza Mayor. Ihre dunkle Fassade wirkt wie ein Fels. Drinnen riecht es nach Wachs und kaltem Stein, draußen nach gebratenem Fleisch und süßem Api. Unser Guide, ein indigener junger Mann mit hüftlangem, pechschwarzem Haar, führt uns kompetent durch Museum, Konvent und Kirche. Er spricht ruhig, aber mit einer Intensität, die den Raum füllt: von Kolonialgeschichte, von Widerstand, von Glauben, der nie ganz katholisch wurde. Und dazu lacht er gern und viel.

Der Weg zurück führt bergauf, bergab, durch Gassen, die aussehen, als hätte jemand Farbpulver darübergestreut. In einer Straße reihen sich ausschließlich Barbershops, in der nächsten nur Sportklamotten, dann wieder Schmuck, dann wieder Essen. Alles laut, alles bunt, alles lustvoll. Die Stadt wirkt wie ein Kaleidoskop, das sich bei jedem Schritt neu zusammensetzt.

Am Ende stehen wir am Hexenmarkt. Lama-Föten, Kräuter, Amulette, Zuckerfiguren. Die Chifleras sitzen auf niedrigen Hockern, mischen Kräuter, beraten mit einer Ruhe, die im Kontrast zur Enge der Gasse steht. Und mittendrin: der Lucky Llama Irish Pub, ein surrealer Einschlag aus einer anderen Welt. La Paz liebt solche Brüche. Wir auch.

Tag 2 – Macht und Mittelschicht

Der zweite Tag beginnt nach einem chaotischen Frühstück auf der Plaza Murillo, dem politischen Herz einer Stadt mit rund 750 000 Einwohnern. Ein Platz, der viel erzählen könnte: von gestürzten Präsidenten, Aufständen, Schüssen, Feuer. Der Palacio Quemado trägt die Narben vergangener Jahrzehnte, und die Uhr am Kongress läuft rückwärts: ein stiller Kommentar zur Zeit, die hier anders tickt.

Wir besuchen die Kathedrale, gerade läuft eine Messe. Stimmen hallen durch den Raum, Kerzen flackern, draußen drängen sich Händler, die Erdnüsse, Kaffee und kleine Süßigkeiten verkaufen. 

Der Spaziergang durch die umliegenden Straßenst anstrengend, wir versuchen Steigungen zu vermeiden, was in La Paz fast schon ein Witz ist. Die Höhe von rund 4000 Metern macht sich bemerkbar. Es ist Samstag, und überall entstehen Verkaufsstände: Kleidung, Spielzeug, Obst, Schuhe, alles, was man tragen, stapeln oder rollen kann. Touristen sieht man kaum, dafür umso mehr Familien mit und ohne Tracht, Händler, Kinder, Hunde. Der Verkehr nimmt stündlich zu, als würde die Stadt sich selbst verdichten.

Mit dem Taxi fahren wir in einen Stadtteil, der uns neugierig gemacht hat: nach Sopocachi. Und landen in einer anderen Welt. Breitere Straßen, alte Herrenhäuser neben modernen Apartmentblöcken, Cafés, Bars, kleine Galerien. Junge Berufstätige, Studierende, Kreative. Kinder auf Rollschuhen, Hunde an Leinen und ohne. Es ist ruhiger hier, geordneter, fast europäisch, aber mit bolivianischem Herzschlag.

Am frühen Nachmittag kehren wir bei einem einfachen Hähnchenbrater ein. Einfache, gute Küche. Um uns herum bolivianische Groß- und Kleinfamilien. Viel besser kann es heute nicht mehr werden. Also zurück ins Hotel, Siesta, Koffer packen. Und mal einen Moment reflektieren..
La Paz war eine tolle Erfahrung. Eine wuchtige Stadt, ganz anders als das bezaubernde Sucre: hektisch, laut, verwirrend. Großartig.

Morgen geht es weiter nach Peru.

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andando
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