
Der Uber-Fahrer ist trotz des trüben Wetters von unserem Ziel ganz angetan: „MALBA, que lindo!“ So schön ist es also, das Museum, dass wir mit Ana besuchen wollen.
MALBA steht für Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires und ist ein bedeutendes Kunsthaus, das sich der Sammlung, Bewahrung und Ausstellung lateinamerikanischer Kunst vom 20. Jahrhundert bis heute widmet
Die Vorfreude auf die beiden Kahlos, die es neben rund 700 anderen Werken zu bewundern gilt, wird etwas getrübt: Eine Frida hängt ausgeliehen irgendwo auf der Welt. Und Ana verspätet sich ein Stündchen, was das Heissblut an meiner Seite zum Kochen bringt. Ich mach mal besser auf unbeteiligt und sehe mich im ausgesprochen gut sortierten Museumsshop um.
Draussen regnet es, nur ungefähr 20 Grad – lausekalt für den Januar in Buenos Aires. Wir kennen die Stadt in diesem Monat mit mindestens 30, manchmal sogar angekratzten 40 Grad. Die Witterung treibt viele in die Kultur. Einheimische, aber auch Touristen, die meisten aus Brasilien und den USA.
Das MALBA ist so ein Museum, das tut, als wäre es völlig selbstverständlich, dass man es mag. Es steht seit 25 Jahren da mit seiner Glasfront, als würde es sagen: „Komm rein, oder lass es.“ Und genau das macht es sympathisch. Kein großes Getöse, keine architektonische Selbstverliebtheit, einfach ein Haus, das Kunst zeigt, ohne sich selbst als Kunstwerk misszuverstehen.
Dass hinter diesem entspannten Ort ein Mann steckt, der laut Forbes in der Milliardärsliga spielt, ist einer dieser kleinen Widersprüche, die Buenos Aires so gut kann. Eduardo Costantini, Jahrgang 1946, Selfmade‑Typ, Immobilienhai, Ökonom mit Hang zu Kunst und Kapital, hat sich sein Vermögen nicht erträumt oder ererbt, sondern zusammengebaut. Und zwar so erfolgreich, dass man sich fragt, ob er irgendwann aus Langeweile einfach beschlossen hat, dann eben auch noch ein Museum zu bauen.
Aber das wäre zu einfach. Costantini wirkt eher wie jemand, der Kunst sammelt, weil sie ihn wirklich interessiert und der dann irgendwann merkt, dass er zu viel davon hat, um sie nur selbst anzuschauen.
Im MALBA merkt man erstaunlich wenig vom Riesenvermögen, das hinter der wirklich beeindruckenden Sammlung steckt. Es ist kein protziges Sammler‑Museum, das vor allem die Selbstverliebtheit des Gründers spiegelt. Eher im Gegenteil. Die Werke hängen mit einer Ruhe, die fast unverschämt ist. Frida Kahlo, Tarsila do Amaral, Berni, Xul Solar — große Namen, klar, aber sie stehen nicht im Rampenlicht, sie stehen einfach im Raum. Man hat das Gefühl, sie könnten jederzeit anfangen, miteinander zu reden, wenn man kurz um die Ecke geht.
Die Räume selbst sind hell und großzügig, als hätte jemand beschlossen, dass Kunst Platz braucht, aber nicht unbedingt Pathos. Man läuft herum, bleibt stehen, geht weiter, bleibt wieder stehen. Es fühlt sich nicht nach Pflicht an, sondern nach einem Spaziergang durch Gedanken, die jemand anders für einen sortiert hat.
Vor dem Gemälde Frida Kahlos stehen zwar ein paar mehr Menschen herum, aber das berühmte Gemälde wird längst nicht umlagert wie etwa die Mona Lisa im Louvre. Hier gibt es mal ein Selfie, mal was Kurzes für Instagram – basta. Völlig unaufgeregt.
Ein amerikanisches Paar fühlt sich „deeply inspired“, aber nicht etwa von Frida Kahlo, sondern von einem lustvollen Botero.
Und vielleicht ist das der eigentliche Charme des MALBA: Es ist ein Museum, das nicht versucht, zu erziehen. Hier bewundert auf zwei Etagen jeder alles, was ihm gerade gefällt. Das MALBA will nichts beweisen, nichts verkaufen, nichts einreden. Es zeigt einfach, was es hat und vertraut darauf, dass man schon etwas damit anfangen wird.
Dass der Mann hinter diesem Haus ein Multimilliardär ist, der seine Karriere als Controller begonnen hat, passt irgendwie ins Bild. Es ist diese Mischung aus Pragmatismus und Leidenschaft, die das MALBA so angenehm unaufgeregt macht. Ein Museum, das nicht so tut, als müsse es die Welt retten. Es reicht ihm, wenn du kurz innehältst.
Nicht wegen des Geldes dahinter, sondern wegen der Ruhe davor.
Wir laufen noch ein bisschen durch die Gegend rund um das MALBA. Der Stadtteil Palermo Chico gehört zu den feinsten der Stadt. Einige Villen und Stadtresidenzen werden von Privatpersonen genutzt, andere von Botschaften und Organisationen. Etwas erschöpft von all den fabelhaften Eindrücken suchen wir uns ein gemütliches Café und danach, Kilometer später, die Haltestelle des Colectivo 39. Wir steigen in Palermo aus, Ana fährt mit dem Zug ein paar Stationen später nach Hause.