Der Salar von Uyuni. Ausflug ins Unwirkliche.

 

Frühstück um acht. Es gibt Kaffee, der Rest ist belanglos und sehr einfach: Cracker, bisschen Rührei, mit Undefinierbarem belegte Sandwiches. Viel interessanter, was sich auf der Strasse direkt vor der Tür abspielt: Markttag! Sonntags und donnerstags findet in Uyuni eine traditionelle Feria statt. Hier hat kein Tourismus-Marketing-Crack die Hand im Spiel. Dieser Markt ist von den Menschen für die Menschen hier im Potosí.

Angeboten wird viel Handwerkliches, Haushaltswaren, Klamotten. Man trifft sich, tauscht Neuigkeiten aus, isst zusammen Leckeres von der Strassenküche. Es ist voll und bunt und wunderbar anzusehen. 

Es bleibt wenig Zeit, denn um zehn sind wir mit Angel, unserem Fahrer für die nächsten Stunden, verabredet. Pünktlich steht er vorm Hotel. Klein, zierlich, um die 30, sehr nett. Um die Ecke parkt das Auto: ein chinesischer Allrad-SUV.

Wir machen uns sofort auf den Weg zum Salar von Uyuni, dem grössten Salzsee der Welt. Angel hat Gummistiefel für uns dabei und erzählt ein bisschen über den Ort und den Tourismus hier. Er selbst stammt aus der Nähe von La Paz, ist seit sechs Jahren in Uyuni und viel als Guide in der Salzwüste unterwegs.

Der Wagen stoppt an einer unscheinbaren Schranke, als hätte die Straße beschlossen, ab hier keine Verantwortung mehr zu übernehmen. Das ist auch so. Zwar könnte man mit seinem Privatwagen in den Salar fahren, aber das kann in der unendlichen Weite schnell ins Auge gehen. Es gibt keinen organisierten Rettungsdienst, es gibt nur dieser Naturspektakel. Und Salz. Ganz, ganz viel Salz.

Es ist kurz vor elf. Die Hitze schlägt uns entgegen, sobald die Türen aufschwingen. Der Asphalt glüht, die Luft riecht nach Staub und warmem Metall. Im Kofferraum warten die gemieteten Gummistiefel. Sie sind Pflicht. Nicht aus Laune, sondern aus Respekt vor einer Landschaft, die sich seit Jahrtausenden selbst formt.

Vor rund 10.000 Jahren trocknete hier ein gewaltiger Ursee aus, der prähistorische Lago Minchín. Zurück blieb eine Salzpfanne von heute über 10.000 Quadratkilometern – eine Fläche so groß, dass sie auf Karten wirkt wie ein weißer Riesenfleck mitten im Altiplano. Die Salzkruste besteht aus mehreren Schichten, die zusammen bis zu neun Meter dick sein können. Unter ihnen lagern riesige Mengen lithiumreicher Sole, ein Schatz, der Bolivien in den Fokus globaler Industrieinteressen rückt. Vor Ort wird nur etwas Salz zu Kochsalz verarbeitet und lokal abgesetzt. Ausserdem werden mächtige Quader aus dem steinharten Salzbodeneschnitten. Damit baut man hier Häuser, meist nur deren Innenverkleidung, denn die Regenzeit lässt den Traum vom Eigenheim schnell zerfliessen.

Wir steigen aus, ziehen die Stiefel an. Angel auch, denn er will uns begleiten. Der erste Schritt auf die Salzkruste klingt wie das Knacken dünnen Eises, doch der Boden ist warm, hart, trocken. Die sechseckigen Salzpolygone unter unseren Füßen wirken wie das Werk eines Künstlers, der seit Jahrtausenden nur ein Motiv kennt. Der Salar lässt einen ehrfürchtig werden.

Je weiter wir gehen, desto mehr löst sich die Welt auf. Der Horizont verschwimmt, Himmel und Erde scheinen ineinander überzugehen. Die Stille ist so vollkommen, dass sie fast körperlich wirkt. Kein Wind, kein Geräusch, nur das leise Knirschen unserer Schritte, manchmal leises Platschen, wenn wir durch knöcheltiefe Lagunen waten. Vor einer Woche hat es stark geregnet, erklärt Angel, deshalb das viele Wasser. Trocknet die Sonne es weg, bleibt eine schneeweisse Weite.

In der Ferne ragt der Vulkan Tunupa auf, ein dunkler Fixpunkt. Angel ist mal mit 100 Stundenkilometern eine Stunde lang schurgeradeaus gefahren und konnte nirgendwo ein Ende des Salars entdecken. Auch durch die Geschichten, die der junge Bolivianer erzählt, wird uns der Salar unvergessen bleiben. Dass er ausserdem ziemlich alberne Fotos mit uns inszeniert, ist ganz einfach nett. Plötzlich trauen wir unseren Augen nicht: Ein Bus im Salar? Angel klärt auf: Der muss um von A (Uyuni) nach B ( ein Dorf im Nirgendwo) zu kommen, quer durch den Salar fahren. Zwei Stunden dauert die Fahrt pro Strecke. Wenn wir das gewusst hätten! Aber man kann ja nicht alles…

Die Rückfahrt nach Uyuni verläuft schweigend. Jeder hängt seinen Gedanken nach und versucht, die Schönheit des Salars für sich zu verarbeiten .

Wir machen mit Angel noch einen Abstecher zum berühmten Eisenbahnfriedfof. Unzählige Geländewagen kommen uns auf holpriger Sandpiste entgegen. Der Friedhof ist bei jeder Tour der erste Stop, danach geht es durch die Wüste in den Salar.

Die Hitze des Altiplano hängt wie ein unsichtbarer Mantel über der Stadt. Auf dem Zugfriedhof am Stadtrand, wo die Schienen im Nichts enden, stehen die Überreste einer vergangenen Epoche. Dutzende Lokomotiven und Waggons liegen verstreut in der Wüste, ausgeweidet, verrostet, vom Wind geschliffen. Manche wirken, als hätten sie sich im Sand festgefahren und nie wieder befreien können. Andere stehen schief, als würden sie jeden Moment endgültig in sich zusammenfallen. Das werden sie bald wohl auch tun.

Ende des 19. Jahrhunderts war Uyuni ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Die britische Regierung investierte damals massiv in den Ausbau des Schienennetzes, um Silber und andere Mineralien aus den Minen von Potosí und dem Altiplano schneller an die Küste zu bringen. Die Dampfloks, die heute hier verrotten, waren einst Symbole des Fortschritts, der Industrialisierung, der Hoffnung auf Wohlstand. Doch als die Minen Anfang des 20. Jahrhunderts an Bedeutung verloren und politische Konflikte das Land erschütterten, kam der Betrieb ins Stocken. Die Züge wurden abgestellt, vergessen, der Wüste überlassen

Heute sind sie ein Freiluftmuseum ohne Eintrittskarte, ein surrealer Ort, an dem sich Geschichte und Verfall berühren. Kinder klettern auf die Lokomotiven, Reisende fotografieren sich vor den rostigen Kolossen, und der Wind pfeift durch die leeren Kessel wie durch Orgelpfeifen. Es geht ein bisschen zu wie auf dem Rummelplatz. Angel lacht: Am frühen Vormittag mit den ersten Touren ist noch viel, viel mehr los. Unfassbar.

Wir fahren zurück in die Stadt und sind glücklich. Alles richtig gemacht, und Angel hat sich als echter Glücksgriff mit umfangreicher Kenntnis dieser Orte erwiesen. Abends wandern wir noch ein wenig über den Markt, sind aber von der Fülle der Eindrücke dieses besonderen Tages erledigt.

Uyuni ist rau, windig und kalt, besonders nachts. Die Stadt ist staubig und minimalistisch, aber das macht ihren Charme aus: ein echtes Altiplano‑Städtchen in 3800 Meter Höhe, das als Tor zu einer der surrealsten Landschaften der Erde dient. Unvergesslich.

Morgen geht es schon wieder weiter. Unser Bus fährt um 10 Uhr 30.

Nach oben scrollen
andando
Privacy Overview

This website uses cookies so that we can provide you with the best user experience possible. Cookie information is stored in your browser and performs functions such as recognising you when you return to our website and helping our team to understand which sections of the website you find most interesting and useful.

You can adjust all of your cookie settings by navigating the tabs on the left hand side.