Córdoba. Wie in einem anderen Land.


Aus irgendeinem Grund sind wir noch immer bei der Allianz mit dem Hausrat versichert. Das hat zur Folge, dass der Versicherer seit Neuestem per sms Wetterwarnungen an uns und alle Kunden versendet. Heute: In der Nacht von Sonntag auf Montag werden in 22085, also bei uns in Hamburg, 10 bis 15 Zentimeter Neuschnee erwartet. Das liest sich von hier aus unwirklich. Wir kriegen bei 32 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit kaum einen Fuss vor den anderen.

Aber klug geworden aus Erfahrung, nutten wir den frischen Morgen, springen wir früh unter die Dusche und ab ins Vergnügen von Córdoba.

Keine Lust aufs Buffet-Frühstück im NH Panorama, wollen wir lieber in irgendeinem traditionellen Café frühstücken.

Da beginnt das Problem. Es ist Sonntag und alles ist zu. Nichts ist wie in der Weltstadt Buenos Aires, sondern alles genauso, wie es sich in der Provinz am heiligen Sonntag gehört. Dicht.

Mit Glück finden wir an der Plaza San Martin einen geöffneten Eckladen, bekommen Kaffee, Medialunas (Croissant-ähnlich) und einen etwas mit Wasser gestreckten frischen Orangensaft.

Schon gestern Abend, bei Bier und Burgern in der Kneipe neben dem Hotel, ist uns aufgefallen, dass das Preisniveau in der flächenmässig grössten Stadt Argentiniens (aber mit nur ca. 1,4 Millionen Einwohnern) mit ungefähr 30 Prozent unter dem der Capital liegt. Mindestens.

Halbwegs gestärkt besuchen wir erst einmal die Kathedrale Nuestra Señora de la Asunción. Atemberaubend! Die pure Opulenz aus dem 16. Jahrhundert. Die Deckenfresken wie auch die Holzarbeiten, die Vergoldungen und Gemälde sind faszinierend. Unterstrichen wird unsere Begeisterung von einigen Ventilatoren, die für etwas Kühle im dreischiffigen Inneren des sakralen Bauwerks sorgen.

Aber es nützt ja alles nichts, wir müssen die Kirche auch wieder verlassen. Unter den Arkaden des natürlich ebenfalls kolonialen Cabildos schleichen wir zum Tourist Office.

Eine ausgesprochen nette Frauensperson erklärt uns die Stadt anhand eines Plans. Und weiss, dass es sogar am heutigen Sonntag eine Stadtrundfahrt gibt. Damit hatten wir nach Internet-Recherchen überhaupt nicht mehr gerechnet.

Unser Hotel wollte uns eine teure Privattour andrehen, aber wir wollen den Touribus, der um elf Uhr abfährt. Kein Hop-off-hop-on, sondern eine ganz trutschige Stadtrundfahrt.

Es ist nicht weit bis zum Haltepunkt, aber die Hitze liegt schwer über Córdoba. Mehr als dreißig Grad. Der Doppeldecker von City Tour wartet gegenüber einem Shopping Center in historischer Umgebung, rot glänzend in der Sonne.

Überraschung 1:  Obwohl Ausländer, bekommen wir Seniorentickets und sind so für ein paar Euro an Bord.

Überraschung 2: Für alle liegen breitkrempige Hüte bereit. Echter Schutz bei der stechenden Sonne. Wir sind erleichtert.

Sobald wir oben Platz genommen haben, nimmt Erik ein Mikrofon zur Hand. Er ist irgendwas zwischen 40 und 50 Jahren alt, trägt ein rotes Ralph-Lauren-Polohemd und keinen Hut. Dafür ein freundliches Lächeln. Es könnte gut sein, dass er den Bus selbständig mit seiner Frau, die überall herumhuscht und auch Tickets verlauft, betreibt. Irgendwie hat er etwas Unternehmerisches.

Nun erklärt er uns eloquent auf Spanisch und Englisch, was wir bitteschön nicht machen sollen: Aufstehen, Arme ausserhalb des Buses ausstrecken, Handys hochhalten wegen tief liegender Äste, Alkohol oder Heisses trinken, die anderen stören. Alle hören auf dem fast voll besetzten Oberdeck zu.

Bis auf eine Dame, deren plastischer Chirurg sich wohl dunkel an eine jüngere Katherine Hepburn erinnert hat. Die Lady ist ungehalten. Immer. Sie spricht offenbar weder die eine noch die andere Sprache richtig, brabbelt in schwierigem Spanisch von Coltello, womit ich sie italienisch einordne. Erik ist genervt, denn die Señora steht ständig auf, was gefährlich ist, stört und meckert leise vor sich hin. Brummelnd. Von den anderen Gästen ist nichts zur hören. Und auch nichts zu sehen, s.  breitkrempige Hüte. Da die Hüte kostenlos ausgegeben werden, hat sich auch das Ömchen zur Linken einen gegriffen, den auf dem Boden gelegt und einen eigenen aufgesetzt. Erik rollt mit den Augen und bittet um Herausgabe des Leihstücks.

Der Fahrtwind ist warm, fast wie aus einem Föhn, während wir durch die engen, heute leeren Straßen des historischen Zentrums rollen.

Córdoba wurde 1573 vom spanischen Gouverneur Jerónimo Luis de Cabrera gegründet und erhielt den Namen Córdoba de la Nueva Andalucía , weil seine Frau aus diesem spanischen Ort stammte, erzählt unser Guide. Schon früh entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen Zentrum des Kolonialreichs, vor allem wegen ihrer Lage auf der Handelsroute zwischen Buenos Aires und dem damaligen Alto Perú.  Erik ist gut informiert und plaudert ohne Pause: Die Jesuiten prägten Córdoba ab dem 17. Jahrhundert entscheidend. Von ihrem zentralen Gebäudekomplex, der heutigen Manzana Jesuítica, die wir vielleicht morgen noch besichtigen, organisierten sie Bildung, Mission und Verwaltung in der gesamten Region. Dort gründeten sie auch die älteste Universität Argentiniens, die Córdoba zu einem geistigen Zentrum des Vizekönigreichs machte. Zur Finanzierung ihres Wirkens betrieben sie ein Netz aus Estancias wie Alta Gracia, Jesús María und Santa Catalina, die landwirtschaftlich hochproduktiv waren und heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Ihr Einfluss endete abrupt 1767, als die spanische Krone den Orden aus allen Kolonien verbannte und die Einrichtungen in staatliche Hände übergingen. Wir sind natürlich beeindruckt.

Der Bus biegt in die Avenida Hipólito Yrigoyen ein, wo die Luft zwischen den hohen Gebäuden steht wie in einem Backofen. Die Hitze scheint hier fast zu tanzen, als würde sie über dem Boden schweben.

Wir lernen  den Parque Sarmiento kennen, bestaunen mehr koloniales Erbe und mehr moderne Architektur, in der Regierung und Unternehmen residieren.

Wir bestaunen auch Erik, der sich als super Reiseführer entpuppt und nur ab und zu den Hepburn-Abklatsch anzischt, weil der wieder aus der Rolle fällt. So eine Person wäre auf einer Kreuzfahrt ein Alptraum. Hier sind wir sie ja bald wieder los.

Bäume werfen kaum Schatten, der Bus fährt langsamer, wir braten in der Sonne.

Es war dennoch die richtige Entscheidung, diesen kleinen Überblick über die Stadt zu gewinnen, die wir in 30 Stunden schon wieder verlassen.

Nach unserer einstündigen Stadtrundfahrt und der Verabschiedung von Erik per Handschlag schleichen wir zunächst in den Shoppingtempel in einem schönen Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert. Erwartungsgemäß sind die meisten Läden zu, der überall üblichen Foodcourts langweilig.

Wir landen wieder in unserer Frühstücksbar zu einem leichten Lunch. Spinn ich? Zu einem leichten Mittagessen. Mit Salat, Gegrilltem und eiskaltem Bier. Fröhlich, verschwitzt, erschöpft. Kurz davor, einen Uber zu ordern, schleppen wir uns dann aber doch zu Fuss ins Hotel. Siesta! Mal sehen, wann es kühler wird, damit wir wieder auf die Strasse kommen.

Es wird zwar keinen Deut kühler, aber wir können ja kaum unter der Klimaanlage verenden. Also los. Entlang des Flüsschens, das sich der der Regenzeit  in einen reissenden Fluss verwandelt, gelangen wir nach Nueva Còrdoba.

Unser Ziel: die Kapuziner-Kirche Iglesia del Sagrado Corazón, besser bekannt als Iglesia de los Capuchinos. Der neugotische Bau, dessen Grundstein 1926 gelegt wurde, entstand nach den Plänen des italienischen Architekten Augusto Ferrari und wurde 1934  fertiggestelltI. Besonders markant ist die asymmetrische Fassade. Einer der Türme ragt in den Himmel, während der zweite bewusst unvollendet blieb – ein architektonisches Statement über die Unvollkommenheit des Menschen im Kontrast zur Vollkommenheit Gottes. Das hatte uns Guide Erik schon erklärt. Das Innere ist ebenso eindrucksvoll wie die Fassade: farbige Glasfenster, ein Sternenhimmel über dem Kirchenschiff und eine Vielzahl figürlicher Darstellungen, die den Raum in eine Art steinernes Bilderbuch verwandeln. Aber ich kann mir nicht helfen: Mir fehlt in diesem Bau irgendwie die Seele. Ganz anders als in der Kathedrale gucke ich hier nur, staune aber nicht.

Vom Vorplatz der Capuchinos führt ein ungemütlicher Weg (holptig und zugemüllt) durch die schattigen Straßen Nueva Córdobas Richtung Paseo de las Artes, einem der kulturellen Brennpunkte der Stadt. Der Spaziergang dauert etwa zehn Minuten und führt vorbei an Cafés, kleinen Boutiquen und historischen Gebäuden, die den Wandel des Viertels vom bürgerlichen Wohnquartier zum jungen, künstlerischen Zentrum widerspiegeln.

Wir landen im Gewusel eines Floh- , Kunst- und Kunsthandwerkermarktes, den es seit den 1980er Jahren an jedem Wochenende hier gibt. Heute ist der Paseo nicht nur ein Markt, sondern ein sozialer Raum: Familien, Studierende, Touristen und Künstler verweben sich zu einem lebendigen Stadtbild. Straßenmusiker spielen zwischen den Ständen, Kinder laufen über die breiten Wege, und der Duft von frisch gebackenem Gebäck mischt sich mit dem Geruch von Lederwaren und Holzarbeiten. Der Platz ist ein Spiegelbild der Stadt selbst – vielfältig, offen, kreativ.

Wir sind nicht ganz sicher, was uns mehr fasziniert: Die Kunst auf den Tischen oder auf den Körpern. Damit wir keine gelangt kriegen, bleiben die meisten Bilder unfotografiert. Von Tattoos, die vorm Alter keinen Halt machen, von bauchfreien Fummeln, denen Kilos egal sind. Wir beobachten von einer Surfer-Bar aus, die auf jeder Karibikinseln stehen könnte. Genau so. Nach einem Stündchen nehmen wir Abschied und trotten zurück ins Hotel. Fast zwölf Kilometer sind wir gelaufen. Ich fühle mich wie nach einer Amazonas-Expedition.

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