Chile – Bolivien. Ein Kunstwerk der Natur.

Der Taxifahrer ist pünktlich kurz nach fünf am Geotel in Calama. Ein kleiner, dünner, ungeheuer freundlicher Mann, der uns und den Rezeptionisten gleich per Handschlag begruesst. Er weiss, dass wir keinen einzigen chilenischen Peso besitzen und deshalb per Karte bezahlen werden. Wir packen das Frühstückspaket des Hotels ein, und los geht es zum Busbahnhof. Kurz davor reicht der Fahrer sein Gerät, wir könnten doch bitte die 7000 peso, ungefähr 7 euro, gleich bezahlen. Der Preis sei wegen der Zeit und der Bezahlung mit Kreditkarte etwas höher. Sei’s drum. Es klingelt, erledigt. Nicht ganz. Die Maschine des Fahrers rödelt und rödelt, die Kohle kommt nicht bei ihm an. Das habe er ja noch nie erlebt. Und damit beginnt rechts am Straßenrand eine Odyssee durch das undurchsichtige Gestrüpp des Internets. Bei uns ist das Geld abgebucht, beim Fahrer nicht angekommen. Er will uns nicht betrügen, der Typ ist er einfach nicht. Was tun? Er druckt viele kleine Belege aus, seine gesamte Buchführung. Wir zeigen unsere Auszüge. Das Geld dümpelt irgendwo im Online. Ok, dann zahlen wir noch einmal, nützt ja alles nichts. Diesmal funktioniert alles, und, oh Wunder, die ersten sieben Mille sind dem Fahrer auch gutgeschrieben. Er ist die ehrlichste vorstellbare Haut und rückt die 7000 sich wortreich entschuldigend in bar raus. Nun haben wir also auch chilenische Pesos. Und einen neuen Freund in Calama.

Auf dem Busbahnhof tauchen wir bereits ein in ein anderes Land. Die Passagiere dieses Mobils sind schon auf dem Terminal in Decken und Ponchos gewickelt. Kinder heulen, Mütter schleppen riesige Pakete, Männer schnacken wichtig und drängen zum Einstieg. Wir sind die einzigen Bleichgesichter.

Trotz ewiger Korrespondenz mit der Ticketagentur sitzen wir nicht vorn, sondern hinten zwei Reihen vorm Klo. Die Sitze sind hart und eng, der Komfort enspricht einer economy von Egypt air von vor 50 Jahren.

Egal. Wir sind an Bord.

Drei Minuten vor Plan setzt der vollgepackte Bus um 5:57 zurück. Draussen ist es 10 Grad kühl, im Bus auch. Wir rollen aus dem gesichtslosen Minenmittelpunkt Calama in die Wüste.

Unter dem monströsen Sternenhimmel ist es bei völliger Dunkelheit innen und aussen komplett egal, dass wir nicht so genau wissen, wohin mit den Beinen. Wird sich alles regeln. Aber diese Sterne! Unbegreiflich in ihrer opulenten Schönheit inmitten des Nirgendwo in der Wüste. Unwirklich. Faszinierend. Wortlos.

Ist auch egal, denn der Sonnenaufgang über der Wüste ist ein nächstes Schauspiel. Wir lehnen uns in der klapprigen Kiste zurück und geniessen den Weg.

Wir hatten kurz überlegt, statt des sicherlich beschwerlichen Buses ein Flugzeug nach Uyuni zu nehmen, doch das haben wir glücklicherweise nicht getan.

Was wir auf unserer Fahrt durch die Wüste erleben, ist eigentlich unbeschreiblich. Die hohen Vulkane, zum Teil schneebedeckt, die endlosen Wüsten, Lagunen mit Pelikanen, Geröllformationen wie aus dem anthropologischen Museum. Unsere Mitreisenden pennen unisono, wir können uns von den Anblicken nicht losreissen. Die Strasse ist bis zur chilenischen Grenze mittelprächtig. Sprich: saumässig.

Ab und zu mal eine winzige Siedlung der Salzgewinner, dann wieder ein Verlassenes Dorf mit weissen Holzkreuzen. Jeder Stein erzählt seine Geschichte. Wir sind zwar eingeklemmt wie die Sardinen in ihrer Dose, aber spüren diese unendliche Weite mit jedem schwerer werdenden Atemzug. Mal wieder auf knapp 4000 Meter Höhe atmen wir tief durch die Nase ein, durch den Mund wieder aus. Das hilft. Vor der Grenze eine kilometerlange Schlange von Lastwagen, fast alle mit Brennbarem. Unser Bus darf daran vorbeirumpeln.

Die chilenischen Grenzer wollen nur ihren Einreise-Zettel und geben uns einen Ausreise-Stempel. Der Sturm aus die beiden (!) Toiletten beginnt sofort danach.

Wir werfen noch einen Blick auf den aktiv rauchenden Vulkan und diesen Ort in der Einöde, der keineswegs gottverlassen ist: Inmitten der Blech- und Bretterbuden entdecke ich die Dorfkirche, dann müssen wir auch schon wieder in den Bus klettern.

Und damit beginnt das Abenteuer Bolivien.

Um 9:35 stehen wir an der Grenze, wieder umgeben von mehreren Dutzend Lastwagen und zwei voll beladenen Zügen. Was sie wohl transportieren? Vielleicht besser, es nicht zu wissen. In der Sonne ist es wieder richtig warm, im Schatten 2 Grad. Gegensätze überall.

Der Bus steht still mit ausgeschaltetem Motor und ausgeschalteter Klimaanlage. Das zehrt. Die Kinder, die sich während der gesamten Fahrt mucksmäuschenstill verhalten haben, fangen an zu quengeln. Einige greinen aus purer Langeweile. Wie es weitergeht? Mal sehen.

Nach genau einer schweißtriefenden Stunde – das Gepäck aller wird händisch durchsucht – sind wir wieder auf der Straße. Strasse? Ripio, die wohlbekannte Schotterpiste. End of asphalt road, welcome in Bolivia.

Hinter dem chilenischen Posten wird der Asphalt schnell zur Erinnerung. Die Piste über den Altoplano nach Uyuni wirkt, als hätte jemand sie mit einem Lineal in die Leere gezogen. Der Boden ist staubig, hell, fast kreidig, und jeder Windstoß wirbelt kleine Spiralen auf, die sofort wieder verschwinden. Aber trotz aller Poesie: Die Strasse ist unterirdisch, wir holpern durch Schlaglöcher, fürchten manchmal, der Bus würde einfach gleich auseinander brechen. Oder umkippen. Oder gleich beides.

Dazu im krassen Gegensatz alles, was wir sehen: Die Landschaft öffnet sich zu einer Weite, die fast unverschämt groß ist. Nichts versperrt den Blick, nichts lenkt ab. Nur Himmel und Erde. Was ist der Mensch nur winzig verglichen mit allem, was wir hier zu sehen bekommen.

Die Berge hier sind farbiger als auf der chilenischen Seite – ocker, rostrot, violett, manchmal mit einem Hauch Grün, als hätte die Natur ihre Palette ausgeschüttet. Bald schon sehen wir erste Lamas, meist in der Gegend von Siedlungen, die viel zu winzig sind, um Dorf genannt zu werden.

Die Luft ist dünn, aber klar wie Glas. Man sieht jedes Detail, selbst in der Ferne: die Schatten der Wolken, die über die Hochebene wandern, die glitzernden Mineraladern in den Hügeln. Mir fällt kein anderes Wort ein: überwältigend!

Mehr Lamas tauchen auf, stehen am Straßenrand wie neugierige Zuschauer. Kleine Dörfer sehen wir: ein paar Lehmhäuser, ein Fußballplatz, ein rostiger LKW, der seit Jahren nicht mehr gefahren ist. Menschen sieht man selten, aber wenn, dann wirken sie wie Teil der Landschaft: wettergegerbt, ruhig, gelassen.

Die Höhe macht sich bemerkbar. Der Motor klingt angestrengter, unser Atem auch. In ähnlichen Gegenden, bei ähnlichen Strassenverhältnissen waren wir schon mal in Südamerika unterwegs. Da galt unsere grösste Sorgen unserem Auto. Sorgen, die der Busfahrer im Hier und Jetzt nicht zu kennen scheint.

Je näher du Uyuni kommst, desto surrealer wird die Umgebung. Plötzlich sehen wir Plantagen. Was für einen Mut muss man haben, hier etwas anzupflanzen.

Dann wechselt das Bild wieder: Die Erde wird heller, fast weiß. Salz liegt in der Luft, obwohl der ganz grosse Salar noch nicht zu sehen ist. Die Stadt selbst taucht plötzlich auf: ein flaches, staubiges Netz aus Straßen, das wirkt, als wäre es nur aus praktischen Gründen hier entstanden, nicht aus ästhetischen.

Dennoch hat sich hier ein richtiges touristisches Zentrum entwickelt. Wir sind froh, unser Trans Salvador-Gefährt und den Busbahnhof hinter uns zu lassen. Zu Fuss geht’s ins Hotel, ins Reina de Salar. Das klingt grosskotzig, ist aber eher ein Hostel. Nach einer kurzen Schrecksekunde beschließen wir, uns hier wohlzufühlen. Aber es soll bar bezahlt werden. Wir haben keinen einzigen Boliviano, nebenan dafür drei Wechselstuben. Wir nehmen die mit dem besten Kurs. Theoretisch hätten wir auf der Strasse eine bessere Quote bekommen, wären aber praktisch das Risiko eingegangen, mit Falschgeld betrogen zu werden. Also alles ganz legal. 100 Boliviano sind ungefähr 12 Euro.

Nebenan essen wir in einem unscheinbaren Restaurant einen Happen, bevor wir die Touranbieter abklappert. Wir wollen keine ganztägige Gruppenunternehmung, sondern einfach nur die grösste Salzwüste der Welt sehen, den Salar von Uyuni. Dafür hätten die meisten Anbieter am liebsten mindestens 200 Dollar. Das ist uns für drei, vier Stunden zu teuer. Nach mehreren Flops treffen wir auf Gabrielle in einem der Büros. Sie versteht unser Problem und kennt einen Taxifahrer, der uns morgen im Hotel abholen wird. Gemietete Gummistiefel bringt er gleich mit. Der Mann heisst Angel, Engel. Wir sind gespannt. Auf ihn und das grosse Weiss.

 

 

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