Mexiko. Tren Maya. Palenque – Mérida.

Früh kurz nach sieben verlassen wir das Hotel Villa Mercedes in Palenque, dieses elegante Haus mit kolonialen Linien, strohgedeckten Bungalows in blühenden Görten mit hohen Ceiba-Bäumen, die wie stille Wächter darüber stehen.

Die Luft ist mit 24 Grad noch kühl, als wir zum Bahnhof fahren. Der Taxifahrer spricht mit einer Mischung aus Hoffnung und nüchterner Erfahrung über den Tren Maya. Für Palenque, sagt er, ist dieser Zug weit mehr als ein neues Verkehrsmittel: Er schafft Arbeitsplätze in einer Region, die seit Jahrzehnten unter struktureller Vernachlässigung leidet, verbessert die Anbindung für Menschen, die sonst stundenlange Busfahrten auf sich nehmen müssen, und bringt Touristen nicht nur zu den berühmten Ruinen, sondern auch in die Stadt selbst. Seine Worte spiegeln die Ambivalenz wider, die das Projekt begleitet: Für viele ist es ein Motor der Entwicklung, für andere ein Eingriff in sensible Ökosysteme und indigene Territorien. Doch für ihn, der jeden Tag um Fahrgäste kämpft, ist der Zug ein Hoffnungsschimmer.

Der Bahnhof von Palenque wirkt wie ein futuristischer Fremdkörper in der tropischen Landschaft: groß, hell, modern, fast wie ein chinesischer Schnellzugknotenpunkt. Sicherheitspersonal steht an jeder Ecke, Scanner summen, ein Drogenspürhund schnuppert gewissenhaft an jeder Tasche. Ich bin froh, dass ich meine restlichen Kokabonscher, die gegen extreme Höhen in den Anden wirken sollten, entsorgt habe. Das fehlte gerade noch, dass der Fiffi knurrt, weil ich die caramelos im Täschchen habe…

Der Bahnhof mit seinem Drum und Dran ist eine Mischung aus Effizienz und Inszenierung, als wolle man demonstrieren, dass der Süden Mexikos endgültig im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Um 8:40 Uhr setzt sich unser moderner Zug, der erst seit Ende 2024 in Betrieb ist, in Bewegung, und die Fenster öffnen den Blick auf eine Landschaft, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat: dichter Dschungel, sattes Grün, vereinzelte Lichtungen, kleine Dörfer mit Wellblechdächern, Hängematten auf den Veranden, Kinder, die am Straßenrand spielen.

Die Fahrt führt durch drei Bundesstaaten, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Chiapas mit seiner starken indigenen Prägung und sozialen Spannungen, Campeche mit seinen weiten, dünn besiedelten Flächen, und schließlich Yucatán, wo die koloniale Vergangenheit in jeder Stadt sichtbar bleibt. Der Zug ist nicht ausgebucht, viele Plätze bleiben leer. Ein paar Amerikaner, einige Mexikaner, wir — ein kleiner Querschnitt jener Reisenden, die neugierig genug sind, diese neue Verbindung auszuprobieren. Ein Bordrestaurant gibt es nicht, nur einen Wagen mit gruseligen Sandwiches und erstaunlich gutem Kaffee.

Nach acht Stunden erreichen wir Mérida. Der Bahnhof liegt wie ein abgeschotteter Mikrokosmos am Rand der Stadt, und unser Uber-Fahrer darf nicht direkt vorfahren. Taxis und Polizei blockieren den Zugang, ein Machtspiel, das zeigt, wie tief die Umbrüche reichen, die der Tren Maya auslöst: neue Mobilität trifft auf alte Strukturen, und nicht jeder will seinen Platz räumen. Wir laufen ein Stück, steigen ein, und eine halbe Stunde später tauchen wir ein in das historische Zentrum, wo die Hitze wie ein schwerer Vorhang zwischen den kolonialen Fassaden hängt. 34 Grad lauern auf uns.

Das Hotel Santa Lucía ist schlicht, eher bescheiden, aber seine Lage ist unschlagbar: direkt gegenüber dem Parque de Santa Lucía, einem der charmantesten Plätze Méridas, wo abends Musiker auftreten, Paare tanzen und Restaurants ihre Tische unter die Bäume stellen. Wir landen im Tratto, einem italienischen Restaurant, das sich anfühlt wie ein mediterraner Kurzurlaub — Pasta, Wein, Touristen aus aller Welt, ein Ort, der zeigt, wie sehr Mérida inzwischen im globalen Reiseuniversum angekommen ist. Danach kaufen wir noch schnell Wasser fürs Zähneputzen, ein banaler, aber notwendiger Abschluss eines Tages, der uns durch Landschaften, Realitäten und Geschichten führt, die sich sonst kaum in acht Stunden zusammenfassen lassen.

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