Lima. Adios.

Lima ist wirklich eine erstaunliche Megastadt. Zugegeben: Wir haben uns mit spitzen Fingern die Rosinen aus dem riesengroßen Kuchen gepickt und uns fast ausschließlich in den besseren Vierteln bewegt: im historischen Zentrum, in Miraflores und vor allem im schönen Barranco. Doch die Stadt hat ganz andere Seiten, und sie gehören genauso zu ihr wie die Boulevards, die Kolonialarchitektur und der Blick aufs Meer, den die Werbung so euphorisch zeigt.

Von Armut ist selten die Rede. Doch sie prägt das Bild der Stadt. Mit ihren rund 10,5 Millionen Einwohnern ist Lima laut, chaotisch, dreimal so groß wie Berlin und vielerorts verarmt. Jahrzehntelang sind Menschen aus den Anden und ländlichen Regionen hierhergezogen, angelockt von der Hoffnung auf Arbeit. Viele fanden keine Unterkunft, errichteten Hütten aus Pappe und Wellblech. Diese pueblos jóvenes, die in Brasilien favelas und in Argentinien villas heißen, wachsen bis heute weiter. Ohne Wasser, ohne Strom, ohne Perspektive. Wir haben davon nicht viel gesehen, was aber nicht bedeutet, dass wir diese Realität ignorieren.

In Barranco, Miraflores oder San Isidro gibt es Parks, Sicherheit, moderne Infrastruktur. Nur wenige Kilometer entfernt beginnt die andere Wirklichkeit: informelle Siedlungen, Müllhalden, Tankwagen als einzige Wasserquelle. Das soziale Gefälle ist nicht abstrakt, es ist in Straßen, Mauern, Gesichtern sichtbar.

Eine dieser Mauern wurde weltbekannt: die „Mauer der Schande“. Seit den 1980er Jahren trennt sie das wohlhabende La Molina von den ärmeren Hügeln von Villa María del Triunfo. 2023 erklärte das Verfassungsgericht sie für diskriminierend und ordnete den Abriss an. Doch Teile stehen noch immer. Beton als Symbol für Grenzen, die schwerer fallen als Worte.

Lima liegt knapp zwölf Grad südlich des Äquators. Ein subtropisches Wüstenklima, geformt vom kalten Humboldtstrom, bestimmt den Alltag. Wer hier ankommt, erwartet Sonne und Meer, bekommt eine Metropole voller Gegensätze. Heute zum Beispiel sind wir morgens bei klarem Himmel durch Barranco gewandert und konnten am Nachmittag wegen des dichten Nebels nicht einmal den Ozean sehen. Lima ist eine Stadt, die ständig ihr Gesicht wechselt.

Die Stadt zählt zu den am stärksten belasteten Metropolen Südamerikas: Luftverschmutzung durch Verkehr und Industrie, fehlende Grünflächen, extreme Wasserknappheit. Als wäre das nicht genug, wurde gestern nach nur vier Monaten erneut der Präsident abgelöst. Das Land kommt nicht zur Ruhe.

Und dennoch: Es ist ein faszinierendes Reiseziel. Weder möchten wir eine Sekunde im kargen Andenhochland missen noch die unbeschwerten Stunden in Barranco. Lima ist widersprüchlich, herausfordernd, manchmal schwer zu greifen. Aber genau das macht diese Stadt, dieses Land für uns so eindrucksvoll. Nun sind wir gespannt, was uns ab morgen erwartet: Panama.

 

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