Potosí. Reich an Geschichte.

Bin ich froh, aus diesem stickigen Zimmer im Hotel Reina del Salar ausziehen zu können. Juan hat nachts mehrfach die Tür zum Korridor geöffnet, damit wenigstens ein Hauch Luft ins Zimmer kommt. Schnelles Frühstück, schneller Check-out: ein Taxi bringt uns zum Busbahnhof.

Halb elf sitzen wir wesentlich bequemer als auf der Fahrt nach Uyuni. Mit uns reisen eine hübsche vierköpfige Familie aus Dänemark, ein einsamer Franzose und ein paar Einheimische. Der Bus füllt sich noch etwas bei einigen Stopps in der Stadt, dann hat uns die Wüste wieder.

Wir wollen nach Potosí. So heißt der Regierungsbezirk, in dem auch Uyuni liegt, und so heißt auch dessen Hauptstadt. Viele verbinden mit dem Namen den gewaltsamen Tod von Butch Cassidy und The Sundance Kid in San Vicente im Jahr 1908. Nach einem letzten Überfall sollen sie sich in einer Hütte verschanzt haben, ehe Schüsse fielen und die Stille des Altiplano zurückkehrte. Aber das nur am Rande.

Von Uyuni aus rollt der Bus durch die endlosen Weiten des Altiplano. Die Landschaft ist ein Wechselspiel aus karger Schönheit und überwältigender Größe. Salzseen glitzern in der Sonne, die Anden türmen sich in der Ferne, scharf gezeichnet gegen den tiefblauen Himmel. Kleine Dörfer mit Lehmhäusern tauchen auf und verschwinden wieder. Viele wurden längst verlassen und fallen langsam in sich zusammen. Jeder Blick aus dem Fenster ist ein Tableau, ein Gemälde aus Erde, Himmel und Stein. Es ist wieder ein ganz anderes Panorama – und es ist großartig. Wir sehen umfangreiche Plantagen mit Quinoa-Pflänzchen und Felder, die offenbar urbanisiert werden sollen.

Irgendwann, auf 4000 Metern Höhe, passieren wir eine riesige Grünfläche. Hier weiden Lamas. Hunderte, nein, Tausende. Überwältigend.

Mit jeder Kurve ein neues Bild, eine neue Felsformation. Leider haben wir keine Ahnung von der Vielfalt der Mineralien, die sich in den Gesteinen abzeichnen. Wir sind demütig und bewundern das Schauspiel der Farben und Formationen. Einfach unbeschreiblich! Das Land Bolivien ist so reich und doch so arm.

Schließlich taucht Potosí auf. Unsere erste Großstadt in Bolivien mit fast 200000 Einwohnern. Wir sind ein wenig erschrocken über die extreme Hanglage der Siedlungen, aber wir müssen ja nicht alles abklappern. Bergauf, bergab bei gleißendem Sonnenlicht in dieser Höhe ist kein Spaß.

Über der Stadt thront der Cerro Rico, der „reiche Berg“. Fast 4800 Meter hoch, durchlöchert von Minen, ist er bis heute das Symbol von Potosí. Hier wurde Silber in solchen Mengen gefördert, dass Potosí im 17. Jahrhundert zur reichsten Stadt der Welt aufstieg. Münzen aus der Casa de la Moneda gelangten bis nach Europa und Asien, und der Ausdruck „Vale un Potosí“ wurde sprichwörtlich für unermesslichen Reichtum. Doch der Aufstieg war auch ein Abgrund: Zehntausende indigene Arbeiter wurden im berüchtigten Mita-System zur Zwangsarbeit in den Minen verpflichtet. Viele starben an Erschöpfung, Quecksilbervergiftung oder den lebensfeindlichen Bedingungen im Berg. Der Reichtum Spaniens war der Tod der Andenbewohner.

Mit dem 18. Jahrhundert begann der Niedergang. Im 20. Jahrhundert verlagerte sich der Bergbau auf Zinn, doch die Glanzzeit war vorbei. Heute lebt Potosí noch immer vom Bergbau, allerdings unter prekären Bedingungen.

Die koloniale Altstadt ist UNESCO-Weltkulturerbe: ein steinernes Archiv der Macht und des Leidens.

Ein Taxi bringt uns vom Busbahnhof ins koloniale Zentrum von Potosí. Das Hotel Santa Maria empfängt uns mit großem Zimmer, kolonialer Architektur und freundlichen Gastgebern. Ein Ort mit schönem Innenhof zum Atemholen, bevor wir hinaus in den Trubel treten.

Die Kathedrale am Plaza 10 de Noviembre können wir nicht besuchen – sie wird um 17.30 Uhr geschlossen und wir sind zehn Minuten zu spät. Doch die steilen Straßen des historischen Viertels öffnen tiefe Einblicke in die Stadt unter uns. Jeder Schritt ist anstrengend, die Höhenluft macht sich bemerkbar, und doch zieht uns die Einmaligkeit dieses Ortes weiter.

Im Café Plaza gönnen wir uns eine Pause, während draußen das Leben pulsiert. Eine Prozession zieht vorbei, eine Heilige wird getragen, begleitet von Blasmusik und Pauken, die durch die engen Gassen hallen.

Später füllt sich die Stadt mit hunderten Schulkindern in adretten Uniformen. Heute war der erste Schultag. Jungen und Mädchen sprühen sich lachend mit Schaum ein, ein Ritual, das die Ernsthaftigkeit der kolonialen Kulisse aufbricht und die Stadt in ein Fest verwandelt.

Und dann sind da die Frauen, die Cholitas, die mit ihren Hüten und weiten Röcken das Straßenbild prägen. Der Bombín, einst ein europäischer Herrenhut, wurde im 20. Jahrhundert von den Aymara-Frauen übernommen und ist heute ihr unverwechselbares Zeichen. Die Pollera, der mehrlagige Rock, stammt aus der Kolonialmode Spaniens, doch die indigenen Frauen machten ihn zu ihrem eigenen Kleidungsstück. Was einst ein Symbol der Anpassung war, ist heute Ausdruck von Selbstbewusstsein und kultureller Stärke. Die Cholitas tragen ihre Kleidung nicht nur im Alltag, sondern auch bei Festen, Märkten und sogar beim Bergsteigen. Sie sind die lebendige Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen kolonialem Erbe und indigener Selbstbehauptung.

Die indigenen Völker Quechua und Aymara sind hier allgegenwärtig. Ihre Sprachen, von denen wir kein Wort verstehen, klingen auf den Märkten, ihre Traditionen prägen die Feste, ihre Kleidung und Musik geben der Stadt ihre unverwechselbare Identität.

Unsere Augen sind müde, bevor der Körper nach dem Bett schreit. Wir essen noch etwas Pasta im La Trufa Negra, dem Restaurant, das zum Hotel gehört, und lachen fröhlich mit der dänischen Familie, die ebenfalls hier wohnt. Die Vier wollen morgen in eine Mine einfahren. Ein touristisches Abenteuer, in das mich keine zehn Pferde ziehen könnten. Wir fallen ins Bett. Juan macht sich über hunderte Fotos her, ich klöpple genau diesen Text. Und morgen geht es dann auch schon wieder weiter.

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