Überquerung der Anden. Von Salta nach Calama.

Man könnte durchaus denken, dass diese Klitzings nicht alle Tassen im Schrank haben mit all ihren komischen Unternehmungen. Nun wieder soetwas: Mitten in der Nacht verlassen wir mit Sack und Pack unser Hotel Salta. Das Ziel zu nächtlicher Stunde ist der Busbahnhof. Hier werden wir Abschied nehmen von La Linda.

Die Fahrt beginnt unscheinbar: Ein doppelstöckiger Bus des Unternehmens Andesmar, der um ein Uhr morgens die Stadt Richtung Chile verlässt. Eine Verbindung, die täglich verkehrt. Doch als wir in dieser Nacht einsteigen, merken  wir schnell, dass dieser Bus auf dieser Strecke mehr ist als ein Transportmittel: ein Übergang zwischen Ländern, Landschaften und Stimmungen. Wir sitzen oben ganz vorn rechts.

Salta liegt still und finster vor uns, als der Bus anrollt. Die Sicherheitsgurte sind Folklore: dem Stück fehlt das Gegenstück. Die Straßen sind leer, die Luft warm. Drinnen herrscht gedämpfte Ruhe, ein paar Reisende sortieren ihre Kissen, andere schließen sofort die Augen. Wir haben Mühe, unsere Klamotten unterzubringen. Die Köfferchen sind zwar im Bauch des Busseserschwunden, aber die Rucksäcke passen in keine Ablage. Also improvisieren wir. Comme toujours.

Neben uns ganz zufällig Deutsche: Ein Paar aus Lenggries auf grosser Lateinamerikatour. Die beiden, ungefähr in unserem Alter, freuen sich schon auf den Schnee im Bayrischen, besuchen aber kurz noch die Atacamawüste, Santiago und Buenos Aires. Alles in den nächsten acht Tagen. Sie sind gut ausgerüstet und schlafen auch schon bald.

Kaum sind die letzten Lichter der Stadt verschwunden, beginnt der Aufstieg. Unser Traum wäre es gewesen, die dunklen Stunden zu verschlafen, aber wir bleiben überwiegend wach. Und gucken in den Sternenhimmel. Es ist nie so dunkel, dass man nicht wenigstens Umrisse sehen könnte

Die Straße führt in Richtung San Salvador de Jujuy, der Provinzhauptstadt, deren Name ereignislos an uns vorbeizieht. Man spürt, wie der Bus sich Meter um Meter in die Höhe schraubt, 2500 Meter, 3000 Meter, 3500 Meter hinein in eine Landschaft, die man noch nicht sieht, aber bereits erahnt. Leider, leider müssen wir feststellen, dass die Frontscheibe eine Art eingewebtes Fliegengitter hat. Wohl eine Sicherheitsgeschichte, aber für Fotos tödlich. Die Nachbarin murrt, ihr Mann schnarcht zustimmend.

Gegen Morgen erreicht der Bus den Paso de Jama, den hochgelegenen Grenzübergang zwischen Argentinien und Chile. Wir steigen alle aus, die Luft in knapp 5000 Metern ist dünn, trocken und überraschend kalt.

Die Argentinier und Chilenen haben sich für die Grenzabfertigung zusammengetan: Alles in einem Gebäude, durch das wir das gesamte Gepäck schleppen. Verglichen mit unseren Mitreisenden haben wir gerade mal zwei Keksdosen. Auch die Lenggriesser sind schwer bepackt. Aber wir sind bald mit allem durch und on the road again.

Und dann beginnt der Himmel zu glühen.

Zuerst ein fahles Grau, dann ein zarter Rosa-Streifen, schließlich ein breiter goldener Bogen. Mit dem ersten Tageslicht öffnet sich eine Hochebene von fast unwirklicher Weite, flankiert von Vulkanen, deren verschneite Spitzen im Morgenlicht glitzern. Salzflächen schimmern wie gefrorene Seen, Vicuñas ziehen lautlos über die Ebene. Die Tierchen, die aussehen wie ausgehungerte Rehkitze, sind scheu, gleichzeitig offenbar neugierig.

Die Weiterfahrt führt hinab Richtung San Pedro de Atacama, und mit jedem Kilometer verändert sich die Landschaft dramatisch. Die Farben der Anden wechseln im Minutentakt: Ocker, Rot, Violett, Beige. Die Luft flimmert, die Berge wirken wie Kulissen eines surrealen Films. Wir sind todmüde, aber die Bilder halten uns wach.

Die Atacama breitet sich aus wie ein endloses Meer aus Stein und Licht. Wir stellen uns einmal Unvorstellbares vor: Diese Wüste ist mit um die 150000 Quadratkilometern dreimal so gross wie die Schweiz  und fast doppelt so gross wie Österreich.

Flamingos stehen in türkisfarbenen Lagunen, Felsformationen ragen wie Skulpturen aus dem Boden. Es ist eine dieser Strecken, auf denen alle ausser uns schlafen. Wir wollen das nicht verträumen, sondern mit eigenen Augen sehen, zu unwirklich sind die Dimensionen.

Als der Bus schließlich in San Pedro de Atacama, dem touristischen Zentrum auf chilenischer Seite, einfährt, steht die Sonne bereits hoch über der Wüste. Die Hitze ist trocken, der Himmel makellos. Die Fahrt hat kaum zwölf Stunden gedauert, aber es fühlt sich an, als hätte man eine ganze Welt durchquert.

Die Bayern und die meisten anderen – die drei Jungs aus Frankreich, das Paar aus den Niederlanden und überwiegt Chilenen – steigen aus. Wir sagen kurz tschüss und sind schon wieder in unserem Ausguck, denn wir haben noch zwei Stunden oder so vor uns bis Calama. San Pedro und diese Ecke der Atacama haben wir schon früher mal besucht.

Die Anden im Norden Argentiniens und Chiles zeigen sich auf dieser Route in ihrer ganzen Wucht: majestätisch, rau, überwältigend. Wir bleiben einfach sitzen. Die Fahrt geht weiter, weiter nach Calama, unserem eigentlichen Etappenziel des Tages.

Als wir die Wüstenstadt mit rund 150 000 Einwohnern erreichen, liegt die Sonne hoch über der Wüste. Die Hitze ist trocken, der Himmel makellos. Wir torkeln todmüde per Uber zu unserem Geotel, das überwiegend von Minenarbeitern bewohnt wird. Pieksauber, leider ohne Klimaanlage, aber mit einem Restaurant, in dem es auch jetzt endlich mal etwas zu essen gibt. Wir teilen Crevetten in Knoblauch und trinken ein Weisswein dazu.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: sofort nach langer Reise ins Bett oder noch einen Blick in die Wüstenstadt werfen. Letzteres tun wir. Natürlich. Kurzer Check an einem anderen Bus Terminal: Dort fährt morgen unser Bus nach Bolivien ab. Auch die schmucklose Kathedrale lernen wir noch kennen – dann ist Schluss. Uns gefällt nichts mehr, wir sind nörgelig.

„Das wahre Zuhause des Menschen ist kein Haus, sondern die Straße.“ Das hat Bruce Chatwin einst geschrieben. Morgen hat die Strasse uns wieder, heute kippen wir wie die Steine ins Bett. Was für ein grandioser Tag!

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