
Wieder eine dieser Nächte, die ich vor jeder Reise, jedem neuen Reiseabschnitt erlebe. Schlaf nur im Stundentakt, ständig auf der Hut, bloss den Anschluss nicht zu verlieren.
Es ist zwei, es wird drei und vier. Kurz nach fünf reicht es. Wir liegen vier Stunden hinter Europa, die Nachrichten sind also frisch. Bild macht auf mit dem ersten Grausen des Dschungelpacks, der Spiegel greint über vergeigte Chancen.
Zeit genug, also lese ich mal Erlebisberichte zu Reisen im Bus von Buenos Aires nach Cordoba. Mit Chevallier, dem Laden, den wir ausgesucht haben. Der erste Beitrag beginnt mit „Lust auf Horror?“, getoppt wird er von „Deine schlimmsten Albträume.“ Haben wir einen Fehler gemacht? Mal sehen.
Am Bahnhof Retiro, dem Terminal von Chevallier, dort wo die Busse wie geduldige Tiere in Reih und Glied stehen, beginnt unsere Reise. Der Doppeldecker, der uns nach Córdoba bringen soll, wirkt von außen größer als nötig und von innen enger als erwartet. Die Ledersitze sind weich, nicht unbequem. Wir sitzen im oberen Stockwerk ganz vorn rechts. Links von uns zwei junge Frauen, die wie alle anderen hinter uns kollektiv in den Tiefschlaf sinken, bevor der Bus das Terminal überhaupt verlassen hat.
Die Klimaanlage ist ein Glücksspiel bei 30 Grad um zehn Uhr morgens, und die Vorhänge hängen wie müde Lappen vor den Fenstern.
Zehn Stunden liegen vor uns. Zehn lange, lange Stunden.
Bruce Chatwin hätte sich sofort in den Menschen verloren, die sich durch den schmalen Gang schieben. Der Mann mit dem zerkratzten Matebecher, die Frau, die ihren Thermoskanister wie ein Familienerbstück trägt, der Junge, der mit einer Mischung aus Trotz und Müdigkeit auf seinen Platz fällt. Für Chatwin beginnt jede Reise mit einer Figur, nicht mit einem Ziel.
Für uns beginnt sie mit dem Blick aus dem Fenster. Der berüchtigte Slam hinterm Bahnhof, die Villa 31, zieht an uns vorbei. Auf der Autobahn General Paz erwischt uns ein erster Stau. Die Damen nebenan pennen. Sie kriegen nicht mit, dass wir langsam Kilometer um Kilometer auf der Panamericana hinter uns bringen. Insgesamt werden es knapp 800, also etwa die Strecke von Hamburg nach München.
Kaum ist die Stadt Buenos Aires hinter uns, beginnt die gleichnamige Provinz und damit ein ganz anderer Kosmos.
Paul Theroux hätte längst die Stirn gerunzelt. Er würde die Enge notieren, die stickige Luft im oberen Deck, die Art, wie der Bus bei jeder Bodenwelle ächzt. Er würde die Müdigkeit der Mitreisenden nicht als Randnotiz behandeln, sondern als Teil der Wahrheit.
Unsere Wahrheit ist eine andere. Wir halten die Luft an, wenn Radfahrer auf der Autobahn halten oder eine junge Frau zu Fuss das Ganze überquert. Als plötzlich ein Auto rechts auf dem Grünstreifen abbiegt – geschenkt. Das ist dann eben so. Unser Bus hält noch einige Male. So oll er ist, von einem sind wir wirklich begeistert: Unsere beiden Fahrer sind Spitzenklasse. Umsichtig , unaufgeregt – grossartig.
Die Straße zieht sich wie ein Strich durch ein Blatt Papier. Man sieht die Landschaft, Felder, die aussehen wie geometrische Übungen. Es wird viel Soja angebaut, auch Sonnenblumen und Mais. Dann wieder Kartoffeln. Einige Felder sind so riesig, dass sie über den Horizont kippen. Dann immer wieder Pferdeherden. Was machen die mit all den Pferden? Wir erfahren es nicht, und der Bus pennt.
Die Stunden dehnen sich. Der Bus hält an kleinen Terminals, die aussehen wie Bühnenbilder, die jemand vergessen hat abzubauen. Menschen steigen ein, steigen aus, tragen Taschen, Pakete. Die Klimaanlage kämpft und verliert, der Motor brummt, und irgendwann wird das Geräusch des Busses selbst zu einer Art Hintergrundmusik, die man nicht mehr hört, sondern nur noch fühlt. Die Müdigkeit kommt wellenweise.
Je weiter wir nach Norden fahren, desto mehr verändert sich die Landschaft. Das Land wird unruhiger, die Farben in den Provinzen Santa Fe und Cordoba dichter, die Luft trockener. Der Bus kämpft sich durch die letzten Stunden, stoppt an ein, zwei lustlosen Strassensperren der Polizei. Ab und zu passieren wir ausgebrannte Autos und quicklebendige Rinderherden. Bei einer Aussentemperatur von 34 Grad ächzen wir. Unsere Nachbarn nicht. Die wachen manchmal auf, trinken einen Schluck Coca Cola, schnattern, kichern, schlafen weiter.
Als Córdoba schließlich nach genau zehn Stunden auftaucht, reicht es sogar uns. Wir schnappen vom Terminal einen Uber, der uns ins 4-Sterne-Hotel NH Panorama bringt. Vier Sterne? Nicht im Traum. Ganz egal. Wir beziehen ein riesengrosses Zimmer und fallen in die Bar nebenan. Eiskaltes Bier, Sandwich und Burger. Wir haben es richtig gut. Wieder einmal.