
Es war wieder viel los in den vergangenen Tagen: Stunden haben wir auf irgendwelchen Ämtern verbracht, um ein Papier zu verlängern.
Stunden sassen wir in den unterschiedlichsten Uber-Kisten, die uns kreuz und quer durch die riesige Stadt gekarrt haben. Einige waren sehr manierlich anzusehen, andere haben vielleicht schon mal kurz im Rio de la Plata gebadet. Aber wir sind ja immer ans Ziel gekommen.
Und die Ziele liegen oft weit voneinander entfernt. Buenos Aires ist ungefähr 203 km² gross und damit fast doppelt so gross wie Paris oder Barcelona, aber nur halb so gross wie Wien. Da kommen viele Kilometer zusammen.
Schluss mit den Vergleichen und zurück ins Hier und Jetzt. Gestern haben wir uns auf einen Kaffee mit Ana, Federico und dessen Frau Teresa getroffen, heute mit Nichte Marina. Sie wohnt seit über zehn Jahren in der Provinz San Luis, hat sich ein schönes Haus gebaut, die Anwaltsrobe an den Nagel gehängt, singt heute Tango und unterrichtet Menschen aller Altersklasse in ihrer eigenen Musikschule, für die sie Platz in ihrem Haus geschaffen hat. Ganz entspannt, wie es uns scheint, und 700 Kilometer entfernt von der Hektik des Molochs Buenos Aires.
Was sie dort fühlt, können wir heute ein bisschen nachempfinden, denn wir machen mitten in der Stadt einen sehr speziellen Ausflug.
Der Weg führt uns ins Viertel Parque Chas in den Bauch eines Labyrinths.
Es gibt Stadtteile, die man betritt wie ein Museum. Andere wie ein Stadion. Parque Chas betritt man wie einen Roman, dessen Kapitel sich umeinander drehen. Wer hier ankommt, merkt es sofort: Die Stadt hört auf, geradeaus zu denken.
An der Avenida Triunvirato ist Buenos Aires noch das übliche Raster aus rechten Winkeln und hupenden Bussen. Doch ein paar Schritte weiter beginnt die Welt zu schwanken. Die Straßen biegen sich, als hätten sie einen eigenen Willen.
Hier verläuft man sich, ohne es zu wollen.
Parque Chas ist ein Viertel, das seine Besucher nicht verschluckt, es hält sie nur ein bisschen fest.
Die Häuser sind niedrig, viele mit pastellfarbenen Fassaden, die aussehen, als hätten sie schon bessere, aber auch schlechtere Zeiten gesehen. Auf den runden Plätzen, die hier Plazoletas heißen, sitzen Nachbarn mit Thermoskannen, Mate dampft, Hunde dösen im Schatten.
Es ist ein labyrinthisches Viertel, das sich anfühlt wie ein Dorf, das zufällig in einer Millionenstadt gelandet ist.
Und doch ist es kein Zufall: 1925 ließ Vicente Chas diesen Grundriss genehmigen, ein Experiment aus konzentrischen Straßen, die sich wie Ringe um einen sechszackigen Stern legen. Ein urbanes Mandala, das sich weigert, sich dem Rest der Stadt anzupassen.
Nachzulesen sind Geschichten von Leuten, die angeblich in einer Straße losgingen und in einer anderen Zeit ankamen.
Von Comics, die das Viertel als magischen Knotenpunkt darstellen.
Von Nachbarn, die schwören, dass GPS hier öfter versagt als sonst irgendwo in Buenos Aires.
Ob das stimmt? Schwer zu sagen. Tatsächlich gibt es hier alles, aber eben ganz anders dimensioniert als im Rest der Stadt: kleine Bars, improvisierte Ateliers, ein paar alteingesessene Läden, die aussehen, als hätten sie die letzten fünf Wirtschaftskrisen einfach ausgesessen.
Die Nachbarschaft ist eng. Man kennt sich. Man grüßt sich. Man bleibt stehen, um zu reden.
Es ist ein winzig kleines Viertel, das nicht nur geografisch, sondern auch sozial seine eigenen Kreise zieht.
Wer Parque Chas und seine europäisch klingenden Strassen wie Berlin, Dublin oder Hamburgo verlässt, tut das meist mit einem Lächeln und dem Gefühl, etwas besonderes erlebt zu haben.
Vielleicht ist es die Architektur. Vielleicht die Menschen. Vielleicht die Tatsache, dass man in einer Stadt, die so laut und linear ist wie Buenos Aires, plötzlich in einem Viertel landet, das sich weigert, geradeaus zu gehen.
Parque Chas ist kein Ort, den man „besucht“. Es ist ein Ort, der einen kurz adoptiert.
Zurück auf der kunterbunten, lauten Avenida Triunvirato suchen wir uns ein Café fürs Mittagessen.
Diese Gegend hat nichts zu tun mit unserem schicken Touristenghetto Palermo und seinen seltsam gesichtslosen Hipster-Bars. Hier sitzen Menschen noch mit richtigen, gedruckten Zeitungen, parlieren quer über die Tische miteinander und geniessen ihren Kaffee im Zweifel mehr als die in Palermo so zahlreichen Apéro-Influencer.
Nach diesem Ausflug haben wir uns eine ruhige Stunde in der Wohnung verdient.