Shenzhen, Stadt der Gegensätze


Vor 40 Jahren wohnten in Shenzhen gerade mal 30000 Menschen, die im Delta des Perlflusses zwar regen Handel trieben, sich aber ansonsten nicht grossartig weiterentwickelten. Das hat sich grundlegend geändert, als aus dem strategisch plötzlich so wichtig gewordenen Städtchen eine Sonderhandelszone, vergleichbar mit Hongkong und Guangzhou wurde.

 

Heute leben hier im südöstlichen China über 13 Millionen Menschen, und ihr Credo ist Business. An Superlativen wird hier nicht gespart: die grössten Elektronik-Einkaufszentren, die höchsten Häuser, das bessere Silicon valley – und ein mieses Internet. Das ist in dieser Metropole wirklich lausig und für uns völlig unverständlich. Aber wir wurschteln uns irgendwie durch.

 

Zwei wichtige Verbündete wollen wir für unsere Erkundungen nicht missen: Langenscheidts OhneWörterBuch, ohne das wir hier ziemlich aufgeschmissen wären. Wir zeigen einfach auf eine der Zeichnungen und ernten Fröhlichkeit, weil die Chinesen ungefähr ahnen, was die Langnasen wollen.

 

Kumpel Nr. 2 ist Alipay, eine Zahlungssystem wie ApplePay. Darüber buchen wir Didi. Das wiederum ist vergleichbar mit Uber, Yandex, Grab & Co. und wirklich, wirklich wichtig in einem Land, dessen Sprache wir nicht sprechen. Statt arme Taxifahrer (und uns) zu quälen, geben wir Didi vor, wo wir sind und wo wir hinwollen. Kostet x Rinmenbi, bezahlt wird mit Alipay und Minuten später steht ein Auto. dessen Kennzeichen uns mitgeteilt wurde, vor uns. Sehr, sehr angenehm, denn unser Chinesisch geht über „bitte“, „danke“, „guten Tag“ und „guten Weg“ kaum hinaus. So sagen wir Ni hao (guten Tag), lassen uns chauffieren und steigen mit xiexie (danke) wieder aus.

 

Natürlich gehen wir nicht jeden Weg mit einem Didi. Heute morgen war es zunächst die Metro. Eine Station von unser Huanqiao entfernt wollten wir eine andere besuchen, die wir schon mal in einem Film gesehen hatten: Grösser als die meisten Airports mit vielen Etagen und Menschen und atemberaubender Architektur. Lohnenswert, aber nicht tagfüllend.

 

Die Herausforderung, mit der Metro zu fahren, besteht im Wesentlichen darin, dass es die gedruckten Pläne ausschließlich auf  Chinesich gibt. Natürlich sind die einschlägigen Übersetzungsprogramme mit ihren Kamerafunktionen hilfreich, aber man muss zumindest wissen, wo man hin will. Vergeblich haben wir eine Tourist information gesucht, also los auf eigene Faust.

 

Unser Ziel ist Darfen, ungefähr 25 Kilometer nordöstlich von unserem Hotel. Die Metro benötigt für die Strecke mit einmal umsteigen fast 40 Minuten. Was wir suchen und finden: den größten Künstlerbetrieb der Welt. In Dafen entstehen Ölgemälde. Tausende am Tag. Die Originale werden weltweit verkauft und sind mal so, mal so. Dafen gilt ausserdem als grösstes Fälscherzentrum für Ölgemälde. Wir sehen viel van Gogh, Magritte und Mangas. Weil heute Sonntag ist, sind viele Künstler zuhause. Dennoch ist dieses Viertel inmitten der Riesenstadt absolut sehenswert. Natürlich könnte man sich die Kunst nach Hause schicken lassen. Oder Mutti mal porträtieren. Alles, was Ölfarbe zulässt, kommt hier auf die Leinwand. Irre zu sehen!

 

Als wir genug haben, buchen wir einen Didi, der uns in einer 40minütigen Fahrt ins Happy Valley bringt. Was wir da wollen? Das wissen wir auch nicht so recht. Mal gucken. Die Wohngegend, in der der Didi bremst, ist Mittelklasse Oberkante. Vorbei an schicken Apartmenthäusern kommen wir an niedliche Seen, beobachten Männer, die dutzendweise lebende Schildkröten verkaufen. Wir tippen da auf Suppe. Kein guter Platz fürs sightseeing, also ein neuer Didi. Hier gibt es zwar ein paar Busse, aber keine Metrostation, deshalb der Chauffeur zum Hotel.

 

Tee und Kekschen in der Lobby, dann eine Pause. Der Geist muss all die Eindrücke mal eben sacken lassen, bevor es wieder ins Stadtgewühl geht.

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