Ronda – Sonntag der Prozessionen

Am frühen Morgen ist es seltsam ruhig in der Calle Nueva in Ronda: Sämtliche Tische und Stühle sind verschwunden, kaum ein Mensch ist auf der Strasse.

Es ist Palmsonntag. Der Beginn der Semana Santa, der heiligen Woche vor Ostern, die in ganz Andalusien gefeiert wird. 

Langsam füllen sich die Strassen, und es ist auffällig, dass sich das Volk in seinen Sonntagsstaat geworfen hat. Die Herren tragen Anzüge und Krawatte, dazu eine Nadel ihrer Hermanidad, ihrer Bruderschaft. Heute ist der grosse Tag der christlichen Bruderschaften, denn heute beginnen die Strassenprozessionen. Die Damen rascheln in Seide passend dazu. Wer auf sich hält, hat eine Loge auf einer der Tribünen, von denen aus man alle drei Prozessionen dieses ersten Tages der Karwoche bei gleissendem Sonnenlicht verfolgen kann.

 

Das Fußvolk wie wir erwartet die Prozession entlang der Neustadtstrassen vor der Kathedrale, in der der Umzug enden wird. Aufbrandender Jubel begleitet das Leitkreuz, dann die Heiligenfiguren und deren Träger. Zum Schluss folgt eine Musikkapelle, die die Zeremonie mit viel Tschingderassabum begleitet.

Für einen norddeutschen Fischkopf höchst ungewöhnlich: Begleitet wird der Umzug von zwei Doppelreihen vermummter Personen mit langen, weiten Gewändern und einer spitzen Kapuze: Den Büßern. Deren kleiderspezifische Farbwahl stellt die Zugehörigkeit zur jeweiligen Bruderschaft dar. Geht angesichts dieser Truppe die Phantasie mit einem durch, denkt man sofort an den Ku Klux Klan…

Wir verfolgen die erste Prozession, sind dann – im Gegensatz zu den begeisterten Spaniern – erst einmal ermattet. Die zweite schwänzen wir in einem netten Altstadtrestaurant bei einem gemütlichen Mittagessen, bei der dritten sind wir wieder zur Stelle.

An der Puenta nueve warten wir mit Tausenden aller Altersklassen auf den Marsch der Gitanos, der sich aus der maurischen Altstadt zur Kathedrale schlängelt.

Viel Religion, viel Kultur für einen  Tag. Es hat keine Sekunde gegeben, in der wir bereut hätten, nach Ronda gekommen zu sein.

Inzwischen haben sich auch die Bars und Restaurants wieder gefüllt. Jeder erzählt jedem sein schönstes Prozessionserlebnis. Wir ziehen mit einem Baguette, etwas Paté und Rotwein in unserer Wohnung. Noch mehr action wäre heute zu viel.

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