Hauptsache Kondition

Eines ist einmal klar: Ein Unternehmen wie unseres gerade macht man nicht mal so im Vorbeigehen. Wer glaubt, in zwei, drei Tagen startklar zu sein hat zwar einen guten Mut, aber ansonsten nicht alle Tassen im Schrank.

Es ist jetzt kurz vor Mitternacht und wir sitzen in der Küche bei einem Bierchen. Juan kümmert sich um die Fotos (und nickt immer mal kurz ein), ich tippe mit brennenden Augen vor mich hin, denn hinter uns liegt ein langer, langer Tag.

Wach wie immer kurz nach sechs, Käffchen, ein paar Zeitungen, Französisch mit Duolingo – und los geht’s. Nach dem Duschen und vor dem Frühstück beginnt Problem eins: das Klo ist verstopft. Nicht nur das, es läuft auch über. Geistesgegenwärtig stellt Juan das Wasser ab, womit eine Riesenschweinerei vermieden wird. Vielleicht hilft ein Pümpel (plumber’s helper – wer weiss denn soetwas…)? Erst einmal müssen wir Pebbles informieren, die mit Hund Neko Gassi geht. Leider, leider lässt sich das Problem mit Bordmitteln nicht lösen, es blubbert und gluckert im Waschbecken und im Klo. Zum Glück diesmal nicht in der Badewanne, meint Pebbles. Aber es nützt alles nichts – ein Klempner muss her. Während Juan im Auto schraubt und bastelt, warte ich auf die Handwerker. Pebbles ist das alles furchtbar unangenehm – geschenkt. Klar könnten wir ihr Klo benutzen… Irgendwann schwirren die Profi-Herren zu zweit ein, analysieren den Patienten Klo und wissen auch sofort, dass nicht etwa Unrat ins Getriebe geraten ist, sondern wahrscheinlich Wurzelwerk und sonstwas. Pebbles hat Dollarzeichen in den Augen – das wird möglicherweise richtig teuer. Die beiden Jungs bauen das Klo aus, schaffen schweres Gerät ran, decken alles auf dem Weg vom Eingang zum Bad ab, während ich unseren Krempel wegräume. Dann geht’s zur Sache. Während sich die Saubermänner durchs Leitungssystem schaukeln und Juan der Sofa-Bettkonstruktion mehr Struktur verleiht, sitze ich über Listen und korrespondiere mit irgendwelchen Leuten, die via Craigslist irgendwelchen Unsinn anbieten. 

Wir haben beschlossen, uns fürs Dach eine Tasche zu kaufen, in der vieles von dem, was sonst in unserem nun nicht allzu grossen Auto unweigerlich im Weg stehen würde, verstaut werden soll. Ein Modell von Thule gefällt uns gut, ist neu natürlich zu teuer, aber südlich von Vancouver, fast an der Grenze zu den USA, zu haben. Termin zwischen 15 & 15:30. Entsprechend der Entfernung und der Route plane ich unsere dringend notwendige shopping tour. The Home Depot, Ikea, Walmart’s, Marshall’s, The Canadian Superstore, Canadian Tire, Dollar Tree… Klar, dass wir nicht alle schaffen, aber wir müssen weiterkommen. Nun mal nicht schlapp machen! Wir brauchen Kondition, gute Planung und ein massgeschneidertes Nervenkostüm, um das hier durchzuziehen. Und dazu soll es, bitteschön, auch noch Spass machen…

Zum Glück wird das Badezimmerproblem noch einigermassen glimpflich gelöst. Pebbles würde am liebsten bald aus diesem 1946 von italienischen Immigranten gebauten Haus ausziehen. Mit Lee in die Natur. Als Grafikdesignerin kann sie von überall arbeiten, solange es Wifi gibt. Und Lee, gerade 50 geworden, sollte auch mal kürzer treten. Richtig wichtig ist für Pebbles Musik. Als Bassistin einer Motowntruppe kommt sie viel rum, Auftritt vor 1000, 1500 Leuten sind eher die Regel als die Ausnahme. Anfang des Jahres waren die acht auf Tour in Australien, Ende des Jahres sind sie nach Irland eingeladen und freuen sich schon alle auf Dublin. So, genug Geschwätz, wir müssen langsam los zu unserer Dachtasche, also an den Pazifik nach Surrey. Sind mal eben knapp 50 Kilometer…

Da auf den Strassen viel los ist, kommen wir eine Spur zu spät. Und niemand macht die Tür auf. Es ist zum Mäuse melken! Aber wir sind zäh. Vor der Tür steht ein dicker Truck, da muss irgendwer sein. Wir klingeln und klingeln, endlich kommt ein Bengel an die Tür. Kopfhörer, Fernseher, nix Tür hören. Ach, Darling… Zur Strafe gibt es statt der 75 auch nur 60 Dollar.

Das nächste Ziel liegt nordwestlich in Richmond. Ein Home Depot, aus dem wir ein paar Kleinigkeiten brauchen, in dem wir aber auch eine Klappsäge umtauschen, die wirklich nur ein einziges Mal (äh…) benutzt wurde. Klappt sofort. Auf der Suche nach irgendeinem dämlichen Beschlag läuft mir Lidia über den Weg, eine zierliche, ziemlich verhärmte Mexikanerin aus Guadalajara. So sehr mich ihre Geschichte interessiert – Lebensstationen in England, Deutschland, Japan und sonstwo -, noch mehr bin ich von ihren künstlich verlängerten Wimpern fasziniert, die völlig unvermutet und nutzlos über dem ungeschminkten Auge flattern. You like it? Just 100 bucks. Och, geht auch ohne… Die entzückende Lidia würde am liebsten mit auf Reisen gehen, kümmert sich um uns wie um ihre besten Freunde. Das sind alles Erlebnisse!

Nach dem unterhaltsamen Besuch im Home Depot wird es richtig ernst. Ikea. Wir schwören uns auf dem Parkplatz weder auszurasten, noch einzuschnappen noch sonstwas: Wir müssen hier durch. Basta. Erst mal einen Kaffee und eine Kleinigkeit zu essen – es ist inzwischen sechs Uhr nachmittags – , dann geht’s wieder rund: Bettzeug, Bezüge, Handtücher, etwas Geschirr, Gläser, kaum Schnickschnack – in diesen Sachen ist Ikea einfach nicht zu schlagen. Preise hatte ich vorher online cerglichen, weiss also Bescheid. Krisenfrei bringen wir auch dieses über die Bühne, haben sogar noch genug Elan für einen Canadian Tire. Hoffentlich sind die jetzt gegen acht noch offen? Sind sie. Und wie so vieles hier komplett auf Chinesen eingerichtet. Aber wir finden unser Kram: einen Cooler, Klappstühle, Chemie fürs Porto Potti – all das eben.

Heute morgen habe ich schon ein Paar Socken weggeworfen – durchgelaufen. Würde mich nicht wundern, wenn heute das zweite folgte… Aber erst einmal: Feierabend. Rosie ist voll beladen, morgen sehen wir weiter. Uns fehlt ein bisschen Bewegung und wir haben Hunger, deshalb laufen wir von zu Hause aus noch mal los. Mr. James on Hastings. Ein Chinese. Wir sind die einzigen Nicht-Asiaten in dem Laden und reisen mit ein paar Schritten in eine andere Welt, eine andere Kultur, die uns aber immer schon gut gefallen hat. Das Publikum ist jung, Gruppen von sechs bis acht Leuten schaufeln ungeheure Mengen in sich hinein. Und zwar mit allen Geräuschen und Tisch-Einsauereien wie in China. Wunderbar! Aber wirklich bemerkenswert ist das Essen! Juan isst ein Curry mit Prawns, ich gewürfelte Hühnerbrust auf knackfrischem Gemüse. Kein Wunder, dass Mr. Jo die Leute die Tür einrennen. Zwar stehen als Biere Canadian und Budweiser auf der Karte, aber das gibt es hier nicht. Dafür ein eiskaltes Tsing Tao. Mit dem haben wir schon in Asien viel Zeit verbracht… Kurz nach elf ziehen wir wieder los. Würden wir uns nicht sofort hingesetzt haben, um das hier ins Netz zu bringen, schliefen wir längst tief und fest…

 

2 Kommentare zu „Hauptsache Kondition“

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