Der lange, lange Weg

Um 4:50 Uhr klingelt der Wecker, zehn Minuten später stellen die Muezzin lautstark sicher, dass auch der Letzte in der Stadt aus dem Bett kullert. Der Ruf ist lauter als die Turbinen der direkt über uns fliegenden Maschinen in der Startphase.
Nach puscheligen 32 Grad gestern  ist es heute fast frisch in Istanbul : 29 Grad, als uns der Bus um Punkt 6 aus dem Radisson abholt. Security schon im Eingang des Flughafen-Gebäudes – wie auf chinesischen Bahnhöfen. Eigentlichen wollen wir noch ein bisschen rumtrödeln, sehen aber die immense Schlange an der Passkontrolle und sind nur 35 Minuten später auch schon im Sicherheitscheck. Was hier morgens schon los ist! Unfassbar! Alle Sprachen der Welt, in jeder Ecke liegt einer und pennt, überall Gewusel. Es gibt tief verschleierte, arabische Frauen, die mit Brillanten geschmückten Hände versuchen, ihre Ledermasken zurecht zu rücken, Teenager in so kurzen Hotpants, dass es umso mehr auffällt, wenn Damen gesetzteren Alters versuchen, es ihnen modisch gleich zu tun. Dazwischen gibt es alles. Damen und Herren, Männlein und Weiblein, schwarz, braun, gelb, weiß und alle Hauttöne dazwischen. Dazu eine unüberschaubare Schar Kinder von 0 bis 8 Jahren (die älteren verhalten sich relativ ruhig).
Wir gehen erstmal frühstücken. Rühreier, French Toast, Tee und Kaffee. Die Nachbarschaft hat sich um halb acht schon mal für Bier vom Fass entschieden.
Endlich kommt dann auch mal das Gate durch: Im Warteraum 218 ist es bereits voll. Wieder Schlange stehen. Endlich an Bord, lassen wir uns in die Sitze fallen. Economy plus bedeutet breite Leder-Sessel, Beine ausstrecken, Sitze so verstellbar, dass die Beine hoch und der Kopf runter kommen. Hier kann man halbwegs schlafen. Zeit für Filme haben wir auch genug: 7, 8 könnte man auf der Strecke schaffen. Danach ist man dann wahnsinnig.
So. Das erste Foto von unseren Füßen (= on the Road again) geschossen, von uns aus kann es losgehen. Flieger gut besetzt, aber glücklicherweise nicht bis auf den letzten Platz. Bisher heult noch kein einziges Baby.
Soeben kommt das Täschchen mit den Socken, natürlich auch ein Privileg der Plus-Klasse. Täschchen ist von Chopard, oh, gut, Socken sind Puschen, also Wanderslipper mit Sohle 🙂 Dazu eine Schlafbrille. UND Socken, mannomann. Zahnbürste und -Pasta, Lip balm, Ohropax. Juan lacht, weil ich überm Täschchen kichere. Aber nicht wegen des Inhalts. Sondern weil ich es komisch finde, dass unser Nachbar die rutschfesten Socken-Noppen auf dem Spann trägt. Naja, muss eben vorsichtig gehen…
Noch vor den heißen Tüchern wird ein Stückchen türkischer Nougat gereicht, dann Landekarten für Brasilien. Leider kann uns niemand sagen, ob wir die brauchen. Wir sind doch im Transit nach Buenos Aires? Leider ist das Englisch der Flugbegleiterin nicht so ausgeprägt, dass sie uns versteht. Naja, wird sich alles zurechtruckeln. Vor uns liegen knapp 11 000 Kilometer, 12 Stunden, 20 Minuten Flugzeit bis São Paolo… Und dann noch nicht zuhause.
Kaum sind die Anschnallzeichen aus, muss man auch schon wieder schwere Entscheidungen treffen. Gin Tonic als Aperitif? Heute ja! Variante: Da es frisch gepressten Orangensaft gibt, lass ich den Gin darin versenken, Juan Carlos bleibt beim classico. Dazu werden Nüsse und Canapés serviert: Etwas in ein Weinblatt Gewickeltes und ein Pastetchen. Lass ich mal lieber weg, falls sich ein kleines Tier mit Wolle darin verirrt hat. Will ja nicht, dass mich meine dämliche Lammeiweißallergie aus den Socken haut. Nächste schwere Frage: Lachs oder Pasta? Einer so, der andere so. Auf jeden Fall Stoffservietten, Messer und Gabel aus Metall – wunderbar. Tatsächlich ist das Essen auch ok, der Chardonnay ebenso wie das sparkling water (towel – aber nur für Eingeweihte!), der Kaffee hinterher sogar gut und die Petit Fours großartig. Wir sind und bleiben Fans von Turkish Airlines.
Wir haben Italien hinter uns, schweben überm Mittelmeer Richtung Tunis. Natürlich denken wir daran, welche Dramen sich direkt unter uns abspielen. Der Weg führt nach Südwesten, die Sahara, Mauretanien. Leider sollen nun die Jalousien geschlossen bleiben, aber wir luschern trotzdem. Außerdem gibt es die Möglichkeit, über diverse Bordkameras nach vorn oder unten zu gucken. Wir schweben über der Welt…
Leider schweben wir Stunde um Stunde schlaflos, gucken dösige Filme und verfolgen auf dem Monitor, wie sich das Flugzeug millimeterweise nach Westen schiebt. Die Luken sind alle dicht, es ist also dunkel an Bord. Ein paar Chinesen schlafen schon, seit die Maschine angerollt ist, andere laufen auf und ab, schnarchen, flüstern, gucken Videos. Nach zehn, elf Stunden werden wir wieder gefüttert: Scampi, Salat, alternativ Chicken Curry, das wir uns mal entgehen lassen. Dazu gibt es Wasser und Kaffee, damit der müde Kopf halbwegs brauchbar bleibt.
Wie es scheint, bleiben wir in São Paolo an Bord, schicken die Brasilianer nach Hause und sammeln neue Passagiere. 40 Minuten soll das dauern. Wenn es denn wirklich so ist. Ein paar Englischkurse könnten dem fliegenden Personal nicht schaden.
Normalerweise fliegen wir nachts über Brasilien und sehen nichts außer Lichter. Heute ist es ganz anders. Wir bekommen ein Gefühl der Dimension von São Paolo. 20, vielleicht 30 Millionen Menschen leben und arbeiten hier – entsprechend das Häusermeer unter uns. Wir landen pünktlich um 16:40 und bleiben an Bord. Rundherum wird geputzt für die neuen Passagiere, wir verhalten uns ruhig und stauben auch nicht. Wir sind gespannt, wann es weiter geht. Die neue Crew kommt gerade an Bord, mal hören, was die so sprechen. Zur Zeit werden wir von allen ignoriert und das ist auch mal nett.
Hat dann doch alles ein bisschen länger gedauert, war aber spannend zu sehen, wie effizient die Putzkolonne durch die Maschine getobt ist. 18:25 geht es nun wieder los. Pasta oder Pizza, viersprachig in Türkisch, Englisch, Portugiesisch und Spanisch. Dazu hoffentlich einen guten, roten Argentinier. Nochmal knapp zweieinhalb Stunden – uns reicht die Fliegerei für heute.
Ariel, der Chauffeur, war im Gegensatz zu unserem Gepäck nicht auffindbar. Irgendwann ist er dann doch noch eingetrudelt. Auch Groucho Marx hätte die vier Gepäckstücke nicht lustiger unterbringen können… Eine Stunde später endlich im Apartment, das morgen dringend einen Lappen braucht. Und frische Bettwäsche. Wir schlafen erstmal in unseren Schlafsäcken. Das geht ja prima los.
 
 

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