Quer über die Insel

 

Der Abschied von Tofino fällt uns ein bisschen schwer. Wir hatten viel über den Ort gelesen, aber in Wirklichkeit sind die Gegend, der Strand, der Ozean, das Dorf noch viel schöner. Auch wenn alles heute morgen von einer merkwürdig aussehenden Nebelwolke eingehüllt wird.

Trotzdem machen wir kurz vorm Ortsausgang noch einmal halt: Der Markt der Einheimischen wird hier am Sonnabend abgehalten. Alles ein bisschen Öko, spätes Hippie: Statt Haschkeksen gibt es vegane Leckerli, kein Joint weit und breit, dafür Selbstgemaltes, Selbstgetöpfertes, Selbstgebackenes. Und Açai-Beeren, Chiasamen und Sojamilch. Bevor wir einen Schock vom braven Bürgerhippietum kriegen, fahren wir Richtung Osten. Die Nebelwolke hüllt uns bis Uclueclet ein, danach wieder blauer Himmel, Sonnenschein, Temperaturen um die 20 Grad. Wir haben, das wissen wir natürlich auch, extremes Glück mit dem Wetter gehabt: Sonne satt, knatschblauer Himmel, kaum Wind. Und dazu dieses zwar einfache, aber super gelegene Hotel Maquinna. Ach, alles so schön…

Die Fahrt nach Osten ist es auch. Leider gibt es an Highway 4 – so heisst die Hauptstrasse – kaum Möglichkeiten zu stoppen. Deshalb brennen wir die schönen Bilder nicht in Pixel, sondern ins Hirn: spiegelnde Bergwelt mit weissen Spitzen im Lake Kennedy, undurchdringliches Grün auf dem weiteren Weg. Bei relativ viel Gegenverkehr zuckeln wir entspannt übern Berg.

Als Ziel haben wir mal Qualicum Bay eingegeben. Nicht, dass wir etwas darüber wüssten, aber es liegt am Meer, das reicht mal für den Moment. Von Tofino aus sind es nur knapp 170 kurvige Kilometer, die wir gemütlich über die Insel krabbeln.

In Qualicum Bay laufen wir erst einmal einen indianischen, als First Nation, Campingplatz direkt am Wasser an. Nicht schlecht, aber irgendwie… Mit 40 Dollar für den servicefreien Platz auch ziemlich teuer. Wir fahren weiter.

In einem malerisch-schönen Café Richtung Norden, in dem es durchaus auch „Grüne Tomaten“ geben könnte, machen wir eine Kaffeepause. Das Café steht zum Verkauf, aber so bescheuert sind wir nun doch nicht…

Nur zehn Kilometer weiter gibt es einen weiteren Campingplatz namens Ship & Shore mit genau fünf Plätzen direkt am Meer, direkt an einer Marina an der Deep Bay. Dazu gehört ein kleines Restaurant – so haben wir es uns vorgestellt. Niedlich, schön, beeindruckend. Auf der Pier steht ein Oldtimer-Truck, der nächste rollt wenig später an. Alles ein bisschen wie „Unsere kleine Farm“, nur eben am Meer. Würde dir gefallen, Jim Bob! 38 Dollar wollen sie für Rosie und uns – finde ich trotz Dusche und wifi ein bisschen zu viel und handle deshalb auf 30 runter. Wir sind ja schliesslich keine von diesen Superkarren, sondern nur klein und fein.
Mit einem Nachbarn, der seit 14 Jahren (!) in seinem Trailer ein paar Meter weiter lebt, komme ich sofort wieder ins Gespräch. Für den Fall, dass wir sein Kanu haben wollten, wäre das kein Problem. Schwimmwesten habe er auch. Nur das Wasser sei gerade zu niedrig. Was sind sie bloss nett, diese Kanadier, denke ich zum hundertsten Mal.

Juan hält eine Siesta, ich lese ein Buch, als mich plötzlich etwas rechts anstupst und knurrt. Ja, Ollschi, knurrt! Das ist Christel, eine weisse Mischlingsdame aus wildem Wolf und Schäferhund. Die Lady bellt auch nicht, sie heult. Heult! Wolf eben. Was finden diese Hunde bloss immer an mir? Kaum, dass ich wieder Luft und Farbe kriege, steht auch schon Vic neben mir, entschuldigt sich xfach, dass sein Hund mich kennenlernen wollte. Das Tier hat er von einer Wolfsstation; es war halb tot, als er es vor drei Jahren zu sich nahm. Ich behalte Christel scharf im Auge, während mir Vic zwei Adlernester zeigt, die ich hundertprozenrig übersehen hätte. In einem regt sich was! Junge! Da kommt auch schon die Mutti angeflogen. Weisskopfadler – wie aus dem Bilderbuch!

Wir wissen gar nicht, wohin wir zuerst gucken sollen: aufs Wasser, das langsam wieder steigt – oder auf die Adler, die stoisch in ihrem Baum hocken. Ach, wie toll!
Auf der Terrasse des Restaurants trinken wir ein Bier, essen etwas Ungesundes und gucken einfach nur in die untergehende Sonne und die fabelhafte Gegend. Wunderschön.

Viele Bären gibt es hier nicht, sagt Vic, aber Cougars. Und Graugänse, die eigentlich nach Norden fliegen sollten, aber einfach hierbleiben, weil es doch in der Bay so nett ist. Nun ja, sie haben ja recht…

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