Durch Estlands wilden Osten

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Wir müssen dringend wieder los. Die Schönheit Tallinns haben wir intensiv kennengelernt, nun ist es Zeit, Auge und Seele Neues zu bieten. Unser erstes Ziel ist keine zehn Kilometer von der Hauptstadt entfernt: Piriti am Finnischen Meerbusen. Hintergrund ist eine Meldung, dass hier in der See ein schwimmender Elch gesichtet wurde. Elche und Klitzings: Alaska, Kanada, USA, Norwegen, Schweden, jetzt das komplette Baltikum – überall waren wir den Tieren auf der Spur. Estland schliesst sich der langen Liste der Vergeblichkeit an: kein Elch weit und breit. Und schon mal gar nicht in Pirini, einer weitgehend urbanisierten Vorstadt.

 

Aber das heisst ja noch gar nichts. Weiter östlich treffen wir auf den Lahemaa Nationalpark.725 Quadratkilometer geballte Wildnis mit Mooren und prima Wanderpfaden für Elche und andere Wildtiere. Ist es der drohende Regen oder weshalb lässt sich ausser einer Handvoll Schmeissfliegen nichts blicken? Nichts ist nicht ganz richtig. Die Wälder sind grossartig, die Küste, völlig unberührt, die riesigen Weizenfelder, die richtig golden sind – das ist alles sehr schön. Und sehr naturbelassen. Sogar die kleine orthodoxe Kirche irgendwo in der estnischen Pampa ist eher Natur als Glamour.

 

Und plötzlich stehen wir vor einem Herrenhaus wie aus dem Bilderbuch: Gelbe Fassade mit weissen Akzenten, gross, mächtig, prächtig gegen den quietschblauen Himmel: Vihula Manor in Purtse. Stilgerecht spielt eine Familie vor dem Schloss Crocket, plötzlich töltet ein Zweispänner heran: Winzige Shetlands, gefahren von einer Dame in Uniform, ziehen dicke Städter und verwöhnte Bälger. Ein völlig unwirkliches Szenario. Man könnte das Manor auch besuchen, aber für die 18 Euro Eintritt pro Nase sind wir zu kniepig.

 

Schon einen Kilometer weiter ist der elegante Spuk vorbei. Wir näher uns Toila, unserem möglichen Tagesziel am Meer. Hoch über der Steilküste gibt es dort zwar ein, zwei Hotels, sonst aber nichts ausser vielen rekonvaleszierenden Rentnern in verschiedenen Reha-Stadien. Es dauert nur einen Lidschlag, aus diesem 920-Seelen-Kaff abzuhauen.

 

Theoretisch sind wir in einer halben Stunden in Narwa, dem letzten estnischen Ort vor der russischen Grenze. Wollen wir das? Nein. Ins dann noch 200 Kilometer entfernte St. Petersburg können wir sowieso nicht; Corona hält die russische Grenze nach wie vor fest geschlossen.

 

Also südwärts Richtung Peipus-See. Das meerartige Gewässer gehört zu einem kleineren Teil Estland, der Rest ist russisch. Am Ufer sehen wir viele, einfache Holzhäuser, Landwirtschaft, Fischbuden, weil sich die Leute mit Geräuchertem etwas dazuverdienen wollen. Die Infrastruktur ist dünne. Sehr, sehr dünne… Kein Weg am See, keine Strasse mit Blick. Nichts. Es soll hier Elche geben. Und Bären. Und Wölfe. Und, und, und. Möglich. Aber wo? Es hält uns nichts, deshalb brausen wir auch gleich weiter nach Tartu.

 

Tartu ist nach Tallinn die zweitgrösste Stadt des Landes. Trotz moderner Bauten, alt eingesessener Universität und bis ins Jahr 1030 zurückreichender Geschichte steht die einstige Hansestadt im Schatten der Hauptstadt. Die Altstadt stammt aus dem 18. und 19. Jahrhundert; Älteres hat ein Grossfeuer 1775 vernichtet. Vielleicht hilft es Tartu, 2024 UNESCO Kulturhauptstadt zu werden. Neben dem norwegischen Bodø und Österreichs Bad Ischgl…  Wir sind jedenfalls erst einmal durch mit Estland und so müde, dass wir im Hotel Dorpat nur noch einen miesen Happen essen und danach sofort ins Bett fallen.

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