Zauber, Spuk & viel Magie

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Man kann viel über die Strassenverhältnisse in Italien sagen: Viel Gutes wird nicht dabei herauskommen. Umso erstaunlicher, dass plötzlich und wie aus dem Nichts ein ganzer Oldieclub an uns vorbeischwebt. Auf einem Weg, auf dem der norddeutsche Treckerfahrer mal über Streik nachgedacht hätte. Und unser Aukruger Freund seine neue Morgangabe schön in der Jungshütte gelassen hätte. Aber warum sollen in der Toskana mit ihrer grandiosen Landschaft auch noch die Strassen schön sein. Die Weinberge, die Felder, denen wir beim Goldenwerden zugucken – das ist schon viel, viel Magie.

 

Tatsächlich reissen wir uns trotz 32 Grad heute mal von Pool und Hütte los. Zwar hat Nicoletta, nachdem sie gestern schon ein Kännchen Öl aus dem eigenen Olivenhain vorbeigebracht hat, ein paar Aprikosen vor die Tür gelegt. Vanni sorgt mit einem Sixpack dafür, dass wir genügend Wasser haben – tolle Gastgeber! 

 

Aber dennoch müssen wir heute downtown. Nach Poggibonsi. Nicht nur, um mal andere Tapeten zu sehen, sondern auch, weil wir beschlossen haben, ausnahmsweise mal Mittagessen zu gehen. Vom Parkplatz aus sehen wir ein vielversprechendes Türchen, das erst in eine Trattoria und dann auf die Piazza Imre Nagy führt. Unter schützenden Sonnenschirmen bestellen wir Pasta und im zweiten Gang etwas Fleisch und Salat. Dazu gibt es weissen Hauswein aus einem Gefäss, das wie eine abgesägte Weinflasche aussieht. Was einem alles so einfällt in dunklen Winternächten.

 

Die grünen Minignocchi und die Spaghetti all‘arrabiata waren hervorragend, aber etwas ganz anderes hat uns wirklich die Sprache verschlagen. Auf der Piazza gibt es noch ein zweites Restaurant, in dem offenbar ein Familienfest gefeiert wird. Vier, fünf Generationen haben sich zum Mittagessen getroffen, und plötzlich fangen alle an zu singen. Azzurro von Meister Paolo Conte. Viel mehr Gänsehaut geht nicht. Da muss so mancher Gefangenenchor sich viel Mühe geben!

 

Das Fest löst sich auf und wir auch fast, heiss, wie es ist. Wir müssen ein paar Lebensmittel kaufen, vor allem aber in einen Baumarkt. Nachts drohen uns Mücken, Fliegen und auch mal Hornissen aufzufressen. Ein Grund, bei geschlossenem Fenster zu schlafen und von Klimaanlagen albzuträumen. Erst gegen vier Uhr morgens wird es ein bisschen kühler. Trotz der geschlossenen Fenster, denn ganz dicht ist unser Gartenhäuschen nicht.

 

Nun bereiten wir diesem Spuk ein Ende und kaufen Fliegengitter als Meterware. Und während Deutschland gegen England dem EM-Aus entgegentaumelt, bastelt Juan die Gitter mit Klebeband und Heftzwecken in die Fenster. Das könnte ein Durchbruch werden.

 

Ausserdem schützt das Gliegengitter ja vielleicht auch vor Gespenstern. Denn auf unserem Hügel spukt es. Heisst es. Um geht der alte Chito, eine Art unbelehrbarer Grooge à la Dickens. Chito war vor ungefähr 200 Jahren der Fürst der Gegend. Unbeschreiblich reich und ausgesprochen fies. Das bekam ein Messerschleifer zu spüren, der mit seinem Handwagen des Weges kam. Chito wollte ihn partout nicht passieren lassen, also liess der Hausierer sein Werkzeug spielen und schnitt Chito die Kehle durch. Seitdem geistert der herum. Wenn wir ihm begegnen, geben wir laut.

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