Wunderbarer Alltag

 

Wir schlafen in unserem Schneckenhaus neun, zehn Stunden – das schaffen wir zuhause nie! Unser erster Blick fällt auf den Himmel, der sieht schon einmal gut aus.
Die Sonne geht auf, Susan und Bill machen ihr Riesengefährt klar. Ihnen war etwas kalt in der Nacht, also fahren sie wieder nach Sidney und rüsten die Karre dort für den langen Trip aus. Neun Jahre haben sie in diesem Mobil gelebt, immer im Sommer, die kalten kanadischen Winter haben sie sich in Neuseeland geschenkt. Erst seit ein paar Jahren haben sie wieder ein festes Haus, leben aber ihr gewohntes Leben auf Achse trotzdem weiter. Kaum ist sichtbar, dass sie abreisen werden, stürzt sich auch schon ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern auf den Platz, stellt ein Zelt als Platzhalter auf und will nachmittags wiederkommen. Die Plätze sind begehrt und wir haben mit unserer Fünftagebuchung alles richtig gemacht.
Die nächsten, die munter werden, sind kleine Mädchen, die in ihren Pyjamas auf den Steinen am Ufer spielen. Wir brauchen erst einmal einen Kaffee und ein kleines Frühstück (Spiegeleier auf Toast und ein paar Orangen aus Kalifornien) und dann Eis. Das holen wir in Shirley Delicious, rund zwölf Kilometer östlich. Im nächsten Leben werde ich Eisverkäufer. 5 Dollar knöpft uns das fröhliche Paar im Delicious für den Eisbeutel ab, aber nur 5,25 für zwei richtig gute Kaffeebecher. In diesem konkurrenzlosen Laden ist die Hölle los. Sämtliche Backwaren sind hausgemacht und sehen auch super aus. Sieben Tage in der Woche, immer von acht bis fünf, kann man im Delicious auch online gehen. Gerade kommen ein paar Südafrikaner durch die Tür und die Wirtin spricht ein paar Brocken Holländisch mit ihnen. Viel kann sie nicht mehr, aber ihr Grosseltern sind mit den Eltern aus Delft eingewandert. Ihr Partner singt dazu mit tiefer Stimme ein Lied – grossartig. Die Buren sind ein bisschen erschrocken, das soll wohl auch so sein. Alle lachen miteinander und das auch schön laut. Wir laden andando auf, gucken ein paar Mails (piep) und Nachrichten (Julian Assange wird nicht mehr von schwedischen Behörden belangt, Trump macht weiter Unsinn, Martin Schulz ist wegen irgendwem oder -was beleidigt) und trödeln dann wieder auf den Camp ground.

Inzwischen haben zwei Slots weiter zwei, drei Grossfamilien eine Art Wagenburg gebaut. Und nein, sie haben keine Schäferhunde, sondern Rottweiler, die aber – hoffentlich – gut im Griff. Ich Jammerlappen atme erst einmal aus. Juan hackt ein bisschen Holz, geht dann am Strand Kleinholz fürs Feuer sammeln. Ich sitze einfach nur rum, gucke aufs Meer, lese und habe ein scharfes Auge auf die Rottweiler-Meute, zu der sich noch eine Art Chowchow – ich will die Zunge gar nicht sehen… – gesellt hat.
Um halb vier gibt’s ein Käffchen zur Prinzenrolle, davon muss man sich ja auch erst einmal wieder erholen. Wir gucken ein bisschen in die Karten, werden uns bestimmt Port Renfrew angucken und… Stop! Erst einmal bleiben wir bis Montag hier am Jorden River und beobachten den Olympic Peak drüben in Washington State. Und ab und zu vorbeifahrende Schiffe.
Irgendwann rollt ein Expeditionsfahrzeug aus Füssen (FS?) auf den Ground, aber bald auch wieder weg: ausgebucht. Wir winken uns noch mal kurz zu – adios! Nach so viel Aufregung sucht Juan mit seinem Huaiwei wünschelrutenartig und ergebnislos einen Hotspot fürs Wifi – mir ist das eher schnuppe, denn morgen nach dem Duschen in Snooke kann ich ja sowieso wieder online gehen.

Inzwischen ist unser Nachbar zur Rechten eingetrudelt, der gestern bereits seinen gigantischen Wohnwagen abgestellt hat. Juan ist sicher, dass der Typ Deutscher oder zumindest deutscher Abstammung ist, weil er so extrem ausgerüstet ist und akribisch aufbaut. Zunächst einmal rollen er und sie Seine einen Schachbrett-Teppich aus, dann kommen die Gerätschaften: Solarpanel, Generator und mehr und mehr und mehr. Mutti putzt erst einmal die Fenster, dann die ganze Kiste. Auch hier wird alles frühlingsflott gemacht. Allerdings nicht so fröhlich wie gestern bei Susan und Bill, sondern mit mürrischer Verbissenheit. Ich traue mich nicht Fotos zu machen, aber vielleicht ergibt sich ja noch eine Paparazzi-Möglichkeit 🙂

Links von uns sitzt ein Vater mit seinem vielleicht Dreijährigen. Der heult, weil seine Hände schmutzig sind. „If you go camping, your hands are always dirty.“ Nun heult der Bengel noch mehr.
Wird Zeit, dass wir ein Bier zischen lassen!

Und uns langsam ums Abendessen kümmern. Zum Apéritif-Bier gibt es Karotten und cream cheese, dann teiken wir zwei Würstchen vom Grill (da ist bei der hiesigen Schlachtkunst noch Luft nach oben!) und ein Nackensteak, das ein bisschen mit Knoblauch gespickt, mit Pfeffer, Salz und Cayenne gewürzt ist, Grilltoasts, Gurkensalat und fertig. Wunderbar. Die Kinder neben uns toben in tshirts und kurzen Hosen, wir hüllen uns in Fleece und gucken zu, wie sich mit dem Stand der untergehenden Sonne das Bild vor unserer Nase verändert.

Kommentare (4)

  1. jutta starke

    Ob damals auf der Dodge-Pritsche,im Dachzelt oder jetzt im Jumper…es ist immer eine herrliche Schlafkur für uns. Die Vermutungen -warum- sind vielfältig. Wir haben uns auf die Variante „4 Räder trennen uns vom Boden“ geeinigt.Im Zelt hat es nämlich nicht geklappt.Beso

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    1. admin (Beitrag Autor)

      ist wohl richtig so – zelt klappt beo ubs auch nicht. Sonnige Grüsse y un beso!

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  2. croco

    Apropos Schlafkur: Kann ich/wir bestätigen. In unserem gemieteten Bavaria Sol y Sombra (Kastenwagen) habe ich so gut gerazzt, wie niemals zuvor. Und ich schlafe immer gut. Schließe mich der Meinung von Johannes/Maus an.
    Die Fotos sind toll, speziell die mit den Kopfbedeckungen. Was man aus einem toten Rhabarberblatt alles machen kann.
    Die Urmutter alles Kopfbedeckungen, das erste Kleidungsstück von Adam und Eva. Ihr tut alles um uns zu erfreuen, so kann`s weitergehen. Eine schuppige Umarmung Euer c

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    1. admin (Beitrag Autor)

      Kann man aus dem Thema Kopfbedeckungen etwa Spott hören??? Man muss sich vor den wilden Strahlen schützen, wie man kann. jawoll!

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