Wien und sein Museumsquartier

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Uns ist schon früh morgens schummerig. Kein Wunder, wenn man schon zum Frühstück ein Glas Schampus in sich hineinschüttet. Aber besondere Tage verlangen besondere Massnahmen: Juan hat heute Geburtstag. Da darf man schon mal ein bisschen kirre sein. Hinzu kommen die 30 Grad  bei absoluter Windstille vor der Tür. Wien hat es in sich.

Wir haben vor, heute nicht die ganze Welt neu zu entdecken. Zumal hier in Österreich (und anderen katholischen Gebieten) ein Feiertag begangen wird. Mariä Himmelfahrt. Nicht, dass wir shoppen wollten, aber das bedeutet, dass auch alle Märkte geschlossen sind. Nun denn. Morgen.

Heute schwingen wir uns in unsere Hausstrassenbahnlinie 1 und klettern vier Stationen weiter wieder ins gleissende Sonnenlicht. Wir grüssen das beeindruckende Museumsensemble rund um das Maria Theresia-Denkmal, aber unser Ziel ist das Museumsquartier.

Es gehört mit einer Fläche von 60000 Quadratmetern zu den größten Kulturarealen der Welt. In den ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen vereint es Einrichtungen verschiedenster Kunstsparten, Restaurants, Cafés und Shops in einer Kombination von barocken Gebäuden mit moderner Architektur.

Man könnte hier Wochen verbringen, aber wir entscheiden uns für ein Tagesticket ins Museum Leopold. Das ist sehr gut besucht, aber man tritt sich nicht auf die Füsse. Auffällig: das Gros der Besucher ist sehr jung. Das vierstöckige Gebäude ist eine Schatzkammer der Wiener Moderne, der Wiener Werkstätte und des Expressionismus.

Das meistbesuchte Haus am angesagtesten Kulturplatz der Stadt beherbergt die bedeutendste und größte Egon-Schiele-Sammlung der Welt (Schiele macht mich immer nervös) sowie Meisterwerke des Secessionsgründers Gustav Klimt. Zwar ist der berühmte Kuss in der Nationalgalerie im Schloss Belvedere ausgestellt, aber was hier zusammengetragen wurde, ist einfach grossartig.

Zu sehen sind ausserdem herausragende Artefakte der Wiener Werkstätte von Josef Hoffmann bis Koloman Moser. Einiges davon könnte ich auf der Stelle klauen. Der lichtdurchflutete Kubus aus weißem Muschelkalk zeigt auf vier Etagen permanente Höhepunkte der Sammlung, aber auch ausgewählte Sonderausstellungen. Eine davon heisst Wien um 1900: Das Fin de Siècle war nicht nur das Ende des 19. Jahrhunderts. Es beendete auch eine Ära und war kunsthistorisch ein neuer Anfang: der Aufbruch in die Moderne. Wien war um 1900 von starken Gegensätzen geprägt: Glanz und Elend, Traum und Wirklichkeit, Schönheit und Abgrund. Und genau diese Reibungen führten zu einer turbulenten Erneuerungsbewegung, die Wien zum Ursprung der Moderne machte. Davon sind wir wiederum sehr angetan.

Fast wäre uns eine weitere spannende Ausstellung im 2. Untergeschoss entgangen: Dort ist das opulente Werk des Metallbildhauers Franz Hagenauer zu bewundern. Ausgangspunkt seiner Formfindungen war der menschliche Körper sowie Formen aus der Tier- und Pflanzenwelt. Stilistische Anregungen fand Hagenauer in den Ansätzen des Bauhaus und des Art déco. Seine ab den späten 1920er-Jahren entstandenen Köpfe und Büsten aus getriebenem Metall, teils auf bloße Ovoide reduziert, zählen zu den radikalsten modernistischen Vorstößen in der österreichischen Kunst der Zwischenkriegszeit. Das wissen wir alles aus der guten Ausstellungsbeschreibung und können es mit eigenen Augen nachvollziehen. Mehr Museum kann man den Augen für heute auch nicht mehr zumuten.

Dem Geburtstagskind steht der Sinn nach einem eisgekühlten Apérol Spritz. Den könnten wir in einem der Cafés des Quartiers bestellen  uns damit auf den zahlreichen Liegen herumlümmeln. Aber das ist alles zu heiss, alles zu anstrengend. Wir sind froh, ein paar hundert Meter später wieder auf unsere Tram zu treffen und nehmen den Drink einen Steinwurf vom Hotel entfernt in einer Eisdiele zu uns.

Siesta, Siesta. Bald geht es wieder weiter. Zur Feier des Tages haben wir einen Tisch im Griechenbeisl bestellt, müssen also wieder quer durch die Stadt. Das Restaurant gilt als ältestes der Stadt: Seit 550 Jahren bewirtet man hier Gäste. Es hatte viele Namen, vom „Gasthaus zum gelben Adler“ bis zum „goldenen Engel“. Erst als sich griechische Händler in der Umgebung ansiedelten, bekam die Gastwirtschaft, auf wienerisch „Beisl“, ihren Namen. 

Die Küche ist eine traditionelle Wiener Küche mit Klassikern wie Wiener Schnitzel oder Rostbraten, mit saisonalen Köstlichkeiten, etwa Wild aus dem Waldviertel und Nachspeisen wie dem Kaiserschmarrn. Auf all das haben wir es abgesehen.

Grosse Freude: Es gibt Pilsner Urquell vom Fass. Pilsen ist nun allerdings auch so nah, dass man quasi per Fahrradkurier nachordern könnte. Wir tun, was wir sonst nie tun und bestellen exakt das Gleiche: Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Feldsalat. Die dicken Bierhumpen stehen kaum, da wird auch schon das Elefantenohr grosse Schnitzel serviert. Es ist gut und hat sicherlich nie eine Friteuse gesehen. Sieht man den Anteil Panade:Fleisch, liegt das Bäckerwerk 2,5:1 vorn. Der schöne Garten ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Tische werden mit gestärktem Leinen gedeckt, Gläser und Silber poliert. Dazu gibt’s Papierservietten. Na gut. Russen, Ungarn, Amerikaner, in Shorts, langem Kleid oder klerikalem Gewand – alle wollen Schnitzel. Und bekommen es rasant schnell. Wir wünschen eine Pause, bis der Kaiserschmarren, den wir uns teilen, serviert wird. Klappt fast, aber klar ist, dass sie unseren Tisch so schnell wie möglich wieder verhökern wollen.

Das Essen war gut, die Preise ok, aber man wird keine Postkarte nach Hause schreiben.  Nur ein kleines whatsapp, mit dem wir uns schon wichtig gemacht haben. Unser altes Fassl von gestern kann mithalten. Darum gehen wir morgen auch wieder dahin. Doch erst einmal brauchen wir dringend einen Verdauungsspaziergang. Am Stephansplatz haben uns Essen und Hitze dermaßen erledigt, das wir mit der nächsten U-Bahn zum Hotel donnern. Night cup? Zu schwach.

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