Vilnius – auf schrägen Pfaden

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Wir sind ja schon viel auf der Erde herumgekommen, aber die Republik Uzupis…? Noch nie gehört. Dabei gibt es sogar einen Präsidenten und einen Einreisestempel in den Pass, wenn man möchte. Die Republik liegt jenseits der fünf Vilnia-Brücken und wurde 1997 von Künstlern und anderen Menschen mit aufmüpfigen Gedanken gegründet. Die Litauer lassen das bunte Völkchen machen und besuchen Kneipen und Galerien so gern wie Touristen. Über 200 Botschafter von Uzupis gibt es weltweit, darunter der Dalaï Lama, der 2002 zu Gast war und zum Ehrenbürger ernannt wurde. Anders als Christiania in Kopenhagen finden die Uzupier Touristen eher lustig, ebenso wie die dänischen Exklavisten rauchen sie auch hier nicht nur, was es im Automaten gibt. Aber auch das kümmert offenbar niemanden, solange es halbwegs im Rahmen bleibt.

 

Die sonderbare Republik ist nur eines der zahlreichen Highlights, denen wir auf unserer Pirsch durch Vilnius begegnen. Wie viele Kirchen, Kathedralen, Basiliken haben wir heute besucht? Katholische, russisch-orthodoxe – wir wären auch noch in die Synagoge gegangen, wäre sie nicht wegen Corona geschlossen. Gezählt haben wir die Gotteshäuser nicht.

 

Kilometer um Kilometer besichtigen wir Litauens Hauptstadt, im Schlepptau einiger Touristengruppen oder solo. Ganz zufällig wurden wir Zeuge, wie vor dem Präsidentenpalast die Fahne gewechselt wurde. Soldaten in kriegerischer Aufmachung im Mittelalterstil mussten eine geschlagene Stunde aushalten, erfahren wir von fröhlichen Polizisten, die eindeutig froh sind, nicht mit schwerem Geschirr bei 25 Grad im Schatten regungslos dastehen zu müssen.

 

Nebenan, in der Kirche der ehrwürdigen Universität, fand eine Taufe statt, davor sammelten sich die festlich gewanderten Gratulanten und schmökten erst einmal eine.

 

Im jüdischen Viertel – sechs Jahrhunderte lang blühte jüdisches Leben in Vilnius – sieht man bis heute Reste der Ghettos, in denen die Nazis in nur vier Jahren das „Jerusalem des Nordens“ vernichteten. Inzwischen hat sich wieder eine recht große jüdische Gemeinde in Vilnius etabliert.

 

Ausser den rund 50 Kirchen, großartigem Barock und feiner Renaissance gibt es in Vilnius viel zu sehen. Vor allem Menschen: Keine einzige Maske, aber überall Desinfektionsmittel. Das gesamte Baltikum ist relativ wenig betroffen von Corona; hier wird das Leben unbeschwert gefeiert. Uns findet man zwar möglichst nicht im Gedränge, aber die unaufgeregte Fröhlichkeit steckt uns an.

 

Es gibt auch ein modernes Vilnius mit Hochhäusern, Glas, Stahl und Beton. Aber das schenken wir uns. Wir bleiben im UNESCO-geschützten Altstadt-Getümmel, bevor es morgen aufs Land geht.

 

Litauen, das ist jetzt schon klar, unterscheidet sich wesentlich von Polen. Waren im ehemaligen Pommern und Ostpreußen noch viele herrschaftliche Backsteinbauten zu sehen oder zu erahnen, finden wir hier die traditionelle baltische Architektur – einschließlich hutzeliger Bauernhäuser aus Holz überall auf dem Land. Wir sind schon her spannt, was uns morgen auf dem Weg Richtung Ostsee, Memel, Nehrung begegnen wird.

 

Und auf heute Abend, denn wir haben vor, in einem der ältesten Restaurants Litauens zu essen: Das „Lokys“ wurde schon im 16. Jahrhundert in einem gotischen Gebäude etabliert. Mal sehen, ob wir im Gewölbe oder draußen auf der Terrasse unterkommen werden. Auf der Karte stehen Elchrouladen, Bieberbraten, Wildschweinwürstchen und ähnliche Exoten. Was immer sie  uns da servieren – alles soll typisch litauisch sein…

 

Unser Auto ist sicher im Keller unseres Hotels „Amberton“ verwahrt, nachdem wir nach einer Irrfahrt den Eingang in den Fahrstuhl gefunden hatten, der uns samt Auto abwärts fuhr. Nichts für schwache Nerven, vor allem nichts für große Autos. Ein kleines Abenteuer für 18 Euro Parkgebühr, aber wenigstens muss niemand wieder morgens um acht zum Parkautomaten spurten, der auch von 8-24 Uhr, 7 Tage die Woche, 50 Cent für 12 Minuten frisst.

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