Venedig, die Schöne

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Ab 7 gibt es im Hotel Venezia Kaffee – wir sind fast pünktlich. Denn wir wollen früh in Mestre aufbrechen, um in Venedig auf den Markt zu gehen. Mit der Strassenbahn geht es ziemlich schnell zur Piazzale Roma, der Endstation unserer Linie in Venedig.

 

Echter Vorteil, dass wir das 24-Stunden-Ticket haben, das wir für Bus, Tram und Vaporetto nutzen. Zur frühen Morgenstunde sind sämtliche Verkehrsmittel fast ausschließlich mit Menschen besetzt, die in Venedig arbeiten. Mit ihnen schnappen wir uns das nächste Boot, eine schnelle Linie 2, die nicht an jeder Gondel hält, und springen in Rialto an der Brücke von Bord.

 

Zwei Ecken weiter beginnt der Markt – und er ist fast menschenleer. Ein paar Hausfrauen stöbern nach Gemüse und Obst, einige Muttchen feilschen auf dem Fischmarkt um einen besseren Preis. Platz in Hülle und Fülle, kaum ein Tourist verirrt sich heute hierher. Und wenn, kommt er fast immer aus Italien. Verglichen mit dem Hamburger Isemarkt scheint es hier einen Marktboykott zu geben. Tatsächlich haben wir bisher noch nicht eine einzige Reisegruppe in der Lagunenstadt entdeckt.

 

Wir wollen uns das Ganze mal von oben angucken und gehen deshalb wieder über die Rialtobrücke und dann scharf nach links zum Fondaco dei Tedesci. Das feine Kaufhaus, das leicht mit dem Harrods, Printemps oder Kadewe mithalten kann, hat eine Dachterrasse mit Superblick. Um den zu sehen, muss man sich über einen QR-Code für ein bestimmtes 15-Minuten-Fenster einchecken. Die nächste Chance besteht um 10:45, es bleibt also genügend Zeit, die Schuhabteilung unter die Lupe zu nehmen. Monolo Blahnik ist vertreten, Christian Louboutin, natürlich die Italiener mit Gucci, Ferragamo und vielen weiteren Topmarken. Die Schühchen sind alle in den Grössen 36/37 ausgestellt und sehen dadurch natürlich besonders niedlich aus. In 40/41 ist der Eindruck bekanntlich ein anderer. Übrigens ist kein einziges Accessoire oder Pantöffelchen mit einem Preis ausgezeichnet; den kennt man sowieso oder er ist einem schnurz. Das Geschäft läuft schleppend, die Verkäufer stehen reihenweise mit wichtigem Blick herum. Wenig später sind wir mit maximal 20 anderen maskiert auf dem Dach und sehen uns Venedig von oben an. Sehr schön, beeindruckend. Sogar ein Lüftchen weht. Nach knapp einer Viertelstunde streben wir mit letztem Blick auf die aktuellen, etwas klobigen Sandalen von Bottega Veneta wieder auf die Strasse.

 

26 Grad bei mächtiger Schwüle – es zieht uns zurück aufs Wasser. Der nächste Vaporetto bringt uns über den Canal Grande am Peggy Guggenheim Museum und San Marco vorbei nach Arsenale. Dort steigen wir um auf ein anderes Boot mit Ziel Zitadell auf der Insel La Giudecca. Ein ganz anderes Venedig erwartet uns: Hier leben die einfacheren Venzianer und hängen ihre Wäsche über der Strasse auf, hier gibt es einen Spielplatz für Kinder und Werften für Sportboote und Gondeln. Wir treffen Ulrich Tukur, grüßen freundlich und kichern, weil der sich umdreht und uns in angestrengter Denkerpose verharrend nachblickt. Woher kennt er uns? Irgendeine blöde Pressekonferenz vor Jahren… Er hat sie genauso vergessen wie ich.

 

Wir schlendern weiter und beobachten das berühmte Venedig auf der anderen Seite des Canale della Giudecca. Außer uns ist kein einziger Tourist hier zu finden. Tukur zählt nicht, der hat hier zu lange gelebt und offenbar immer noch eine Bleibe am Lido. Wir haben Lust auf eine Erfrischung.

 

Die Trattoria Ai Cacciatori kurz vor der Anlegestelle Palanca findet uns. Wir bestellen direkt am Wasser bei einem jungen Kubaner Apérol und Campari Spritz und gucken einfach. Auf die Leute, aufs Wasser, auf die Boote, auf die gegenüberliegende Seite. Wunderbar. Juan verschwindet kurz in der Trattoria und kommt mit spannenden Nachrichten zurück: Im Inneren machen sie gerade Pasta selbst. Wir können nicht widerstehen, bestellen erst eine kleine Bruschetta zum Teilen, dann dicke Nudelrohre mit Pesto für Juan, Spaghetti carbonara für mich. Ich kann mich nicht daran erinnern, je bessere gegessen zu haben. Und das liegt sich nicht am eiskalten Weisswein, den es zur Pasta gibt. Es geht uns, man muss es wieder und wieder betonen, verdammt gut. Nach Caffè und einem Limoncello vom Haus schlendern wir gemütlich zum Ponton und fahren mit dem nächsten Boot zurück ins andere Venedig. Es ist Freitag und offenbar gibt es ein paar mehr Menschen in der Stadt. Das kümmert uns nicht im geringsten. Es ist immer noch nicht so voll wie normalerweise. Übrigens ist auch kein einziges Kreuzfahrtschiff in Sicht. Morgen soll eins anlegen, habe ich gelesen. Gut für den Handel. Vielleicht machen einige der unvermeidlichen Souvenirgeschäfte dafür auf. Wir haben ganz andere Pläne. Von der Anlegestelle San Basilio ist es nicht sonderlich weit bis zur Piazzale Roma, der Bus-/Tramstation. Wir verirren uns kaum in den wuseligen Gassen und wundern uns selbst, wie gut die Orientierung in Venedig klappt.

 

Im Bus 4L Richtung Mestre Centro würde ich am liebsten schon mal die Schuhe ausziehen: Venedig ist ein Ort für Fußgänger, und wir laufen viele, viele Kilometer durch diese großartige Stadt. Nach knapp 20 Minuten Fahrt sind wir im Hotel Venezia und brauchen eine Pause. Heute Abend wird die Fussball-Europameisterschaft eröffnet: Italien spielt gegen die Türkei in Rom. Und wir gucken uns das auf der Piazza von Mestre an.

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