Peñiscola – den Templern auf der Spur

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Das Meer rauscht ganz sanft. Da lässt man morgens um sieben einfach die Augen noch einen Moment geschlossen und hört zu. Wolkenloser Himmel, 22 Grad – genau richtig für eine kleine Wanderung durch Peñiscola. Wikipedia berichtet: „Die Altstadt liegt auf einem imposanten Felsen, der 64 m über dem Meer emporragt und mit dem Festland durch einen schmalen Sandstreifen verbunden ist, der früher bei Sturm von den Wellen weggespült wurde, sodass sich die Stadt vorübergehend in eine Insel verwandelte. Das Zentrum der Altstadt bildet eine Festungsburg (Zitadelle) aus dem 14. Jahrhundert.“ Wie weit mag das sein vom Hotel? Drei Kilometer? Vier vielleicht? Es sind 5,4…, immer am Strand entlang, bevor es aufwärts geht. Aber wir haben ja gut gefrühstückt, sind hellwach und unternehmungslustig.

 

Noch ein bisschen Hintergrund von Wikipedia: „Die Geschichte der Stadt reicht ungefähr bis zum Jahr 1000 v. Chr. zurück. Die heutige Altstadt war damals eine Burg. In der Antike und im frühen Mittelalter war der Platz bereits von Karthagern, Griechen, Phöniziern, Römern und Arabern besiedelt und befestigt worden. Die heutige Burg wurde vom Templerorden von 1294 bis 1307 auf den Ruinen einer maurischen Festung erbaut. Im Stil zwischen Spätromanik und Gotik angesiedelt, ist die Burg schmucklos und schlicht. Dessen ungeachtet ist die Burg von Peñíscola (nach der Alhambra in Granada) eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Spaniens.“

 

Letztere Information verblüfft uns dann doch sehr. Nicht Madrid, nicht Barcelona, sondern Peñiscola bietet so einen Schatz. Allerdings: Daraus wird international nicht viel gemacht, sonst hätte dieser Fakt sicher längst unser breitgefächertes Halbwissen bereichert. Diesen Ort am langgezogenen, breiten Strand behalten die Spanier offenbar am liebsten für sich, bespassen ihn aber nur allzu gern: Im Sommer erhöht sich die Einwohnerzahl von etwas über 7000 auf 150 000. Das dürfte dann vor lauter Trubel kaum auszuhalten sein. Im Moment ist es aber noch relativ ruhig. Ein paar Franzosen sind ausser den Einheimischen noch unterwegs, nur ein Handvoll Europäer aus anderen Ländern.

 

Und Chinesen, besser: begeisterte Chinesinnen, die durch die Gassen der Altstadt toben, Bilder machen und glucksen. Einige von ihnen sind etwas seltsam angezogen, tragen zum ausladenden Hut lange Kleider und fingerlose Handschuhe, die fast bis zur Achsel reichen. Aha. Das sind Fans. Die ganz eingefleischten, die wissen, dass 2015 einige Sequenzen von „Game of Thrones“ auf diesem Kulturerbe der Templer gedreht wurden… Das zieht natürlich. Sie führen sich ein bisschen auf, als wären die Drachen hinter ihnen her.

 

Dass „El Cid“ 1961 mit Charlton Heston und Elizabeth Taylor auch teilweise in Peñiscola entstanden ist (ja, es war ein Tonfilm und auch schon in Farbe), weiss heute kaum noch jemand. Auch wenn ich schwören könnte, dass die meisten in unserem Hotel die Uraufführung als Erwachsene mit ihren grossen Kindern erlebt haben…

 

Den Grazien aus dem Land der aufgehenden Sonne begegnen wir in einer Kneipe hoch über dem Meer wieder. Vielleicht finden sie die Buddha-Statuen interessant, vielleicht aber auch nur das Schweizer Paar, das den Fehler gemacht hat, sich nebeneinander auf eine lange Bank hinzusetzen. Da geht doch was! Flugs sehen die Chinesinnen ihre Chance, setzen sich im fliegenden Wechsel oder auch zusammen neben die Schweizer, kuscheln, stossen mit ihnen an, fotografieren, was das Zeug hält, wechseln ständig die Plätze. Die Schweizer machen begeistert mit. Völkerfreundschaft für Facebook und Instagram. Ich habe allerdings noch nie kapiert, warum diese Leute auf Fotos immer Victory-Zeichen machen. Alternativ hält die chinesisch-schweizerische Truppe geschlossen den Daumen in die Luft. Auch das ist bekloppt. Hinter uns sitzen zwei junge Französinnen, denen schier die Luft wegbleibt. So ein Schauspiel haben sie noch nie gesehen. Wir können atmen, denn das haben wir in China oft erlebt. Als der „Game of Thrones“-Fanclub endlich abzieht, können sich die Französinnen vor Lachen kaum noch halten, denn das chinesische Theater erfährt noch eine Pointe: das schweizerische Paar finden sie brüllend komisch, weil es sich Orangensaft in den Weisswein kippt… Wir haben dunkle Brillen auf und machen auf unbeteiligt.

 

Die Besichtigung der Altstadt über steile Gassen und vorbei und unzähligen Kneipen und Restaurants schliessen wir mit einem Blick auf den Hafen im Süden ab. Inzwischen ist das Thermometer auf 28 Grad gekrochen, die Sonne sticht, Schatten gibt es nicht. Juan ermahnt mich auf dem anstrengenden Rückweg, ich solle mir vorstellen, durch die Atacama zu wandern und nicht meckern. So viel sind wir in der chilenischen Wüste gar nicht gewandert. Als wir endlich zu einem Zisch-Bier im Hotel ankommen, haben wir rund 15 Kilometer hinter uns. Geht doch noch! Allerdings ist es ganz wunderbar, einen Moment die Füsse hochzulegen. Augen zu und dem Meer zuhören, das immer noch ganz sanft rauscht.

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