Paris braucht Zeit

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Natürlich: Man kann Paris an einem Wochenende besuchen. Mit einem ausgefeilten Plan (und/oder einem guten Reiseführer) sieht man die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, vielleicht sogar noch ein Museum von innen. Nach der Stadttour muss man sich dringend zuhause erholen.

 

Paris ist eine Weltstadt. Das zeigt sie an allen Ecken und Enden. Und sie ist groß. Wirklich groß. Das 10er-Carnet für öffentliche Verkehrsmittel ist schnell verbraucht, denn die Stadt zu Fuß zu stemmen, bedingt viel, viel Kondition. Und Zeit. Die Wege sind lang.

 

Unser Carnet ist aufgebraucht. Vielleicht zum letzten Mal haben wir uns die Tickets geteilt; ab März nächsten Jahres ist Schluss mit den praktischen Päckchen. Ab dann wird es nur noch elektronische Tickets geben.

 

Die Entscheidung, sich in Paris – und sei es auch nur für eine kurze Zeit – eine Wohnung zu mieten, ist richtig. Wir sind unabhängiger, können auch mal in Ruhe ein Brot schmieren oder einen Wein köpfen, die Füße hochlegen und uns wie zu Hause fühlen. Unser Apartment in der rue Espignol, nahe der Place d’Italie, gefällt uns vor allem deshalb, weil es mitten in einem Wohngebiet liegt. Natürlich auch hier an jeder Ecke ein Café, eine Bar. Dazu aber ganz viel ganz normales Leben. Und zwar mittendrin.

 

Gestern sind wir mal ein Stündchen durchs ebenso traditionelle wie elegante und riesige Kaufhaus Printemps mit all seinen großen Marken gestreift, heute ist uns mehr nach richtigem Leben.

 

Heute gucken wir zu, wie die Pariser ihre Lebensmittel frisch einkaufen. Dafür wechseln wir vom linken aufs rechte Seine-Ufer, werfen an der Bastille einen Blick auf die imposante Oper und verschwinden dahinter im Gefühl der Nebenstraßen. Hier sind die Boulevards nicht riesig und pompös wie jene, mit denen Baron Haussmann ab ausgehenden 18. Jahrhundert die großzügige Struktur der Stadt angelegt hatte. Hier gibt es schmale Gassen, malerische und verkommene Hinterhöfe, feine Boutiquen und quirliges, urbanes Leben.

 

Und den Place d‘Aligne mit seiner schönen Markthalle und all die großartigen Stände mit Obst, Gemüse, frischem Fleisch und Fisch, dazu einen ständigen Flohmarkt mit mürrischen Händlern, die keine Lust am Feilschen haben.

 

In irgendeinem Café haben wir den perfekten Überblick auf das bunte Treiben. Ganz Paris kauft hier ein. Weiße, Schwarze, jeder Hautton dazwischen – alle kommen hierher. Veritable Subkultur neben echter Haute Couture, Köche und Hausfrauen, Reiche und Arme. Wir schmieren unsere Tartines und beobachten Hausfrauen, die Minitomaten einzeln aussuchen oder Gastronome, die Salat en gros einkaufen. Ach, toll!

 

Vom Aligne gehen wir über die Rue Rivoli Richtung Place des Voges. Das ist so eine Art grüne Lunge im Wahnsinn der Großstadt. 140 mal 140 Meter groß, eingerahmt von eleganten Häusern mit noch eleganteren Restaurants und Bars. Während wir auf einer Bank eine kleine Wanderpause einlegen, beginnt eine jüdische Zeremonie mit Gesang und Tanz und vielen fröhlichen Menschen. Wir kommen zwar nicht dahinter, was gerade gefeiert wird, haben aber Spaß am Zusehen.

 

Kaum sind wir in die dahinter liegenden Marais, das traditionell jüdische Viertel von Paris, eingetaucht, überrascht uns von einer Sekunde zur anderen ein Platzregen. Alles duckt sich irgendwo oder rennt, um nur ein Dach zu finden; wir warten den Guss in einem Hauseingang ab. Um uns auch davon zu erholen, essen wir mit Blick auf die ganze Welt an irgendeiner Ecke spät zu Mittag, suchen uns die nächste Metrostation beim Hôtel de Ville und fahren zurück über die Seine in unser Quartier. Ermattet, müde, fröhlich.

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