Menschenmassen auf El Rastro

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Juan hat es kaum gespürt, da ruft eine Frau auch schon: „Er hat eine Hand in deiner Tasche!“ Tatsächlich wollte uns die kleine Ratte beklauen, bekam aber nur ein gebrauchtes Tempo zu fassen, das er auch noch in der Hand hält, als Juan ihn anspricht. Natürlich streitet er ab. Und ist so erbarmungswürdig (bekloppt), dass man ihm nicht einmal eine reinhauen mag… Auch die Polizei ist keine Option – sie würde den Kerl sowieso gleich wieder laufen lassen. Ist ja auch nicht wirklich etwas passiert.

 

Aber da schon einer versucht, uns zu beklauen, bevor wir überhaupt auf dem Riesenflohmarkt El Rastro angekommen sind, lässt uns Vorsichtsmassnahmen treffen. Portemonnaie in die Innentasche, alles verriegelt und Augen auf. Das muss man sowieso, denn sonst würde man nur rempeln und schubsen und stolpern und straucheln. Es sind an diesem sonnigen Sonntag unfassbar viele Menschen auf den engen Strassen im Quartier La Latina, in dem heute die Musik spielt. Absolut nichts für Klaustrophobiker! 

 

Klamotten, Leder, Souvenirs, Haushaltsgeräte, Altes, das niemand vor dem Schredder retten will, Neues, das direkt aus dem Chinacontainer gefallen ist… Und Menschen, Menschen, Menschen. Wir gucken, so gut es geht, begünstigt dadurch, dass wir grösser sind als die meisten anderen hier, biegen eine Strasse weiter ab und finden uns inmitten von Antiquitätenhökern, Stoffgeschäften und Antikschmuck-Händlern.

 

Bis auf einen überteuerten alten Füller, den ich aber liegen lasse, sehe ich nichts wirklich Tolles. Schon wieder weiss man nicht, wohin man zuerst sehen soll. Juan kauft sich eine Tweedkappe und sieht auf wie ein jagender Duke auf City trip. Ein kleiner Stand gefällt mir ausnehmend gut: In einer Reihe sitzen ein paar junge Leute vor Schreibmaschinen (!) und tippen gegen Geld ein kleines Gedicht, zu dem man das Thema vorgeben kann. Diese Art von Strassenpoesie hat für mich etwas sehr Anrührendes.

 

Wir setzen uns erschöpft in ein Strassencafé, essen ein Sandwich, trinken einen kleinen Rioja und sind ganz begeistert von den unterschiedlichsten Typen, die an uns vorbeilaufen. Männer mit Bärten, Punks aus Berlin, Damen der Gesellschaft, Poeten und Penner. Das hier ist im Grossen und Ganzen nicht so schick wie die Markthalle, in der wir früher gewesen sind. Dort nippte die jeunesse dorée schon gegen zehn am Schampus. Hier in La Latina geht es wesentlich rustikaler zu.

 

Der Markt ist gross und berühmt; es kommen also auch viele Touristen und Leute aus dem Umland her. Nach einer Zeit ist man das Geschubse allerdings auch leid und muss sehen, dass man abhaut. Wir landen zunächst auf unseren liebsten kleinen Strassen, dann auf der Plaza Mayor, auf der ein glitzernder Weihnachtsbaum und ein Weihnachtsmarkt aufgebaut wurden. Hier ist natürlich auch wieder viel los: Familien, Verliebte, Freunde – und über allem „Jingle bells“.

 

Aber die Menschenmenge auf der Plaza ist nicht vergleichbar mit der auf der Gran Via! Natülich sind alle Geschäfte auch am Sonntag geöffnet. Tout Madrid ist auf den Socken, wir wieder mittendrin. Letztlich ziehen wir ab ins Hotel: Siesta nach all dem Wahnsinn auf den Strassen. Die wird uns auch die Kraft geben, uns später ins abendliche Gewimmel zu werfen. Zum vorerst letzten Abendessen in Madrid. Heute werden wir mal genauer hinsehen bei der Auswahl des Restaurants, nachdem wir gestern aus Dösigkeit mitten in einer Touristenfalle gelandet sind. Morgen reisen wir ab, nachdem wir wirklich viel gesehen, genossen und unternommen haben. Eine ausgesprochen sehenswerte Stadt!

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