Ganz viel Montana!

 

Jerry Brenner ist felsenfels davon überzeugt, dass wir seiner Familie den Brennerpass verdanken. „Something important down there in Germany.“ Da irrt Jerry aus Missoula, Montana. Aber dass seine Vorfahren einst in Baden-Baden das Hotel Brenner’s Park gründeten, das ist für Jerry mal ganz klar. Möglich, aber auch nicht – egal. Wir treffen den Mann aus Montana an diesem traumhaften Sonnabend auf der Autoshow in Missoula. Jerry ist mit seiner Frau Chrissie hier, um der Welt seinen Ford zu zeigen. „It’s like family.“ Ob er verkaufen will. „What? Her?“ Chrissie hat den Witz schon oft gehört, lacht aber immer noch. Ihr Mann hat eben eine Macke mit dem Auto, dass ihm der Vater 1974 zum Collegeabschluss geschenkt hatte.

Diese Macke teilt er mit mehr als 100 anderen Menschen, die hier in Missoula ihre auf Hochglanz polierten Kisten zeigen. Da sind die, die ihren Mustang unbedingt verkaufen wollen, andere, die einen Studebaker einfach nur zeigen wollen, der Typ, der seinen hellblauen Porsche schon seit 1972 in der Familie ist – Menschen und Geschichten, die sich alle um Autos drehen.

Sie hätten sich für die Präsentation ihrer glanzvollen Kisten keinen schöneren Tag ausgucken können.

Auch die Leute vom Farmers‘ Market nebenan haben Grund zur Freude: Viele, viele Menschen haben sich auf die Socken gemacht, um Biogemüse, Honig, Käse einzukaufen. Es gibt so grossartige Typen hier! Käufer, aber auch Verkäufer. Einer versucht, sein selbstgemachtes Sauerkraut an den Menschen zu bringen. Bei Cosco gibt es dazu prima Bratwurst, seine Freundin Mary backt das beste Schwarzbrot. Ob er Deutscher sei? Nein, wieso? Er mag einfach Sauerkraut…

Eine Frau verkauft vor der Fahne Argentiniens Empanadas. Jahrelang hat sie in Bariloche gelebt, sei dann aber doch wieder nach Montana zurückgekehrt. Nun also die gefüllten Teigtaschen.

Zwei genüssliche Stunden schlendern wir durch Missoula, dann müssen wir aber wirklich mal los. Unserer Uschi geben wir Livingston als Ziel an, aber ob wir wirklich 400 Kilometer fahren? Eigentlich wollten wir ja im Old Prison of Montana in Deer Lodge Halt machen und uns das Automuseum angucken. Aber nun haben wir schon so viele schöne, alte Kisten gesehen, was soll da noch kommen?

Da wir noch nicht gefrühstückt haben, fahren wir dann doch in Deer Lodge von der Interstate 90 runter. Zumindest mal das alte Gefängnis angucken.
Zu unserer grossen Verblüffung findet im Gefängnis eine Gun Show statt. Das müssen wir sehen! Für 5 Dollar Eintritt pro Person dürfen wir in den Knast, zu den Knarren und in diverse Museen.

Jeder kennt ja einen Film, der in einem fiesen Gefängnis spielt. The Green Mile, zum Beispiel. Das State Prison ist noch schlimmer! Und dass vor den geöffneten Zellen die Waffenhändler ihre Ware aufgebaut haben, gibt dem Ganzen etwas noch Unwirklicheres. Drei junge Männer aus Utah sind ein bisschen unfroh, dass der Verkäufer nur innerhalb Montanas verkaufen darf. Väter mit Kinder fachsimpeln über Knarren, die wir noch nie gesehen haben. Eine Oma mit beachtlichem Arsenal möchte nicht so gern, dass ihre Waffen fotografiert werden. An einem Tisch mampfen zwei Damen Blueberry Muffins, vor sich ein langläufiges Gesehr. Was für eine Szene!
Wir gucken uns den Knast noch genauer an, hören, wie ein Mann seinen Kindern erklärt, was dieses Gefängnis unterscheidet von dem, in dem er eingesessen hat. Ja, ja, es geht hier heiter zu!

Und wo landen wir? Natürlich im Automuseum. Die Sammlung, besonders sehr früher Wagen, ist beeindruckend! Trotzdem lösen wir uns irgendwann und gucken gegenüber mal hinter die Kulissen einer kleinen Siedlung, bevor wir das Pioniermuseum besichtigen.

Alles in allem sehr interessant. Wir sind froh, hier gehalten zu haben. Und lachen, als wir den Aufkleber auf einem Truck sehen: Montana is Republican. Sach bloss! Wer hätte das vermutet?

Weiter geht’s Richtung Südosten. Inzwischen haben wir Hunger – wir haben in Deer Lodge ganz vergessen, uns nach etwas Essbarem umzugucken – und der bringt uns nach Anaconda. Noch ein Knast, beeindruckende Kupferminen und Eggwiches bei McDonald’s.

Es folgt die Fahrt durch traumhafte Landschaften. Das Plateau mit seinen Ranches und Farmen ist zwischen 1600 und 1800 Meter hoch, wirkt manchmal durch die vielen Hügel richtig lieblich, dann wieder ganz schroff. Montana ist ein schönes Land, das muss man wirklich sagen!

Je näher wir an den Yellowstone Nationalpark kommen, desto teurer werden die Zimmer. Schwindelerregend!
Wir beschliessen, noch vor Butte (sprich bjuuut) vom Freeway abzufahren und landen in Three Forks. Zum einen entspringt hier der Missouri, zum anderen gibt es ein US-Heritage-Hotel hier. Hübsch und brandteuer, dazu warnt das Mädel an der Rezeption vor Lautstärke. Es ist Sonnabend, in der Bar gibt es live music. Die Hillbillies gehen schwofen!

Wir fragen noch mal in einem schmierigen Motel, da wollen sie auch noch 180 für die Kammer haben. Die Lady lacht kehlig, als ich ihr erkläre, dass wir etwas für maximal 100 Dollar zu suchen. Da müsse man besser zuhause bleiben…

Wir haben noch keinen Plan B, aber das Broken Spur Motel vor uns. Ein schönes, grosses Zimmer kostet hier mit Steuern und Frühstück 92 Dollar. Ätsch.

Dinner gibt es bei einer Chinesin mit so grossartiger Scheisslaune, dass man sich sofort nach China versetzt fühlt. Ihr Englisch ist ungefähr so wie mein Chinesisch. Leider kann das Essen nicht ganz mithalten mit dem authentischen Ansatz. Aber was soll’s? War doch ein toller Tag!

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