Freud‘ und Leid

Von Steinchen habe ich heute eine richtig lange Mail bekommen – erstmals in den knapp 40 Jahren, die wir uns kennen. Alles gut und schön in Ungarn, da kommt Freude auf.

Wir sind heute Mittag bei Teresa und Federico zum Essen eingeladen. Da samstags relativ wenig Verkehr ist, beschließen wir, mit dem Auto raus nach Villa Bellester zu fahren. Die günstige Gelegenheit, allerlei mitzunehmen, das wir sicher nicht mehr mit nach Deutschland schleppen werden.

Der erste Stop nach einer höchst verkehrsreichen Autobahnfahrt (Samstag…) ist bei Ana, da bleiben schon ein paar Tüten und Kästen. Dafür beladen wir das Auto mit meiner Schwägerin, denn die ist ebenfalls eingeladen. Der Weg durch Wohnviertel ist nicht wirklich weit, dass Ana die 33 Blocks zu oder von ihrem Bruder Federico oft zu Fuß geht, allerdings eine Leistung. Im Gegensatz zu Juan kenne ich die Wohnung der beiden nicht. Alles schön, außer meinem Schwager und der Schwägerin gibt es noch zwei Hunde (Retriever) und einen Piepmatz.

Teresa und Federico sind gastfreundlich wie immer. Zur Begrüßung gibt es schon ein ChoriPan, gegrilltes Würstchen in einem Baguettebrötchen, auf die Hand. Köstlich! Dem schließt sich ein butterzarter Rinderbraten an, auf den noch ein fein marinierter Schweinebraten folgt. Alles auf dem Grill gegart. Dazu mehrere Salate und großartige Weine. Wir sind beim Rind, als sich Inés, die jüngste Tochter der beiden, die gleichzeitig Anas Chefin ist, hinzugesellt. Inés hat „ein bisschen Eis“ mitgebracht – für jeden ein Viertel Kilo, das wir auch tatsächlich wegputzen. Federico und Ana waren sich schon in Kindertagen einig: Sollten wir uns jemals irgendwo verlieren, treffen wir uns in einer Eisdiele. Noch immer sind sie die größten vorstellbaren Eisfans.

Irgendwann kommt das Thema natürlich auf unser Auto-Desaster. Dann ruft Federico einen Kunden seiner Versicherungsagentur an. Christian ist sofort Feuer und Flamme für das Grauchen. Fünf- bis sechstausend sei es in dem Zustand sicher wert, auch ohne gültige Importpapiere. Rund um den Tisch wird vermutet, dass Christian die Kiste direkt nach Paraguay bringen wird. Dort hält man sich nicht lange mit rechtlichen Hürden auf. Noch heute Abend will Christian das Auto sehen und das Geschäft auch gleich über die Bühne bringen.

In Windeseile und unter Jubelrufen wird der Rest der Ausrüstung unter den Klitzings verteilt, wir bringen erst Ana nach Hause und fahren dann über die Panamericana Richtung San Telmo. Wir sind noch nicht ganz zuhause, da klingelt schon das Telefon. Christian. Ob wir uns nicht jetzt schon treffen könnten…

Wir können. Der Mann, der mal bei Porsche Mechaniker war habe jetzt eine Saab-Vertretung hat, guckt sich das Auto an, ist begeistert. Und der Preis? Keck sagen wir mal 6500, einigen uns auf 6000. Er müsse nun mit seiner Frau schnell einkaufen fahren, aber vielleicht könnten wir die Kiste in ungefähr zwei Stunden bei ihm vorbeibringen? Soetwas hatten wir uns schon gedacht und vorsorglich Benzin für 300 Pesos in den Tank geworfen.

Christian flitzt davon, wir stehen ein bisschen wie belämmert auf der Straße. So geht das also… Eine Ecke weiter schießt mir eine bekloppte Frage durch den Kopf: Wir reden hier doch über US Dollars, nicht etwa über Pesos? Juan ruft sofort bei Christian an: Pesos… Wenn er die Kiste für 430 Dollar schnappen könnte, wäre das natürlich das Geschäft des Jahres. Deshalb war er auch so fix.

Nein, das machen wir nicht. Ein Anruf klärt, dass auch Federico von Dollars ausgegangen ist. War wohl nix… Bis spät in der Nacht ist Juan mit irgendwelchen Autoabwrackern im Whatsapp-Gespräch. Das Höchstgebot fürs Grauchen liegt inzwischen bei 1000 Dollar. Ich mache halb zwei mein Licht aus, Juan bleibt noch am Ball. Die Verschiffung in die USA haben wir uns mittlerweile aus dem Kopf geschlagen. Das war wohl eher eine emotional geprägte Ist-doch-unser-Grauchen-Aktion. Rechnet man die im Ernst durch, ist es einfach nur Unsinn. Die Kosten sind hoch, das Auto ist alt, die Versicherung nur mit unserem durchgeknallten Franzosen möglich. Also: gestrichen. Zur Not haben wir einen Stellplatz bei Schweizern in Uruguay gefunden. Dort könnte das Auto für 50 US im Monat ein Jahr bleiben. Aber irgendwie steht uns inzwischen der Sinn nach loswerden…

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