Ein irrer Tag in Paris

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Wir sind heute 22547 Schritte gelaufen. Das sind genau 16,7 Kilometer. Es kommt viel zusammen in dieser großen Stadt.

 

Das Wetter ist morgens noch ziemlich durchwachsen. 10 Grad kurz vor sieben, etwas wärmer gegen neun, als wir uns auf den Weg Richtung Rue Mouffetard aufmachen.

 

Natürlich kennen wir den Markt, der täglich außer montags stattfindet. Aber er macht immer wieder Spaß: die Stände, die vor den zahlreichen Geschäften aufgebaut sind, die Leute, die Kneipen, die Gerüche. Ganz Frankreich scheint sich in dieser engen Straße kulinarisch wiederzufinden: Käse aus dem Perigord, Wein aus der Provence, Foie gras aus der Normandie, Cidre aus der Bretagne, Austern, Hühner, Eier und Gemüse – ein sinnliches Vergnügen. 

 

Wir gucken zusätzlich noch in eine Kirche am Ende der Mouffetard, bevor es Frühstück in einem Eckcafé gibt: café allongé, Croissant, Tartine. Und dazu viel zu gucken: Menschen, unterwegs zur Arbeit, andere, die einfach so rumbummeln, wieder andere, die nur versuchen, irgendwie zu überleben. Paris hat alles. Arm und reich. Fröhlich und verzweifelt. Gut und böse.

 

Wir ziehen weiter per Metro Richtung Etoile. Dort ist der Arc de Triomphe noch drei Tage lang verhüllt anzusehen. Eine Hommage an Christo, der 2020 verstorben ist, und seine Frau Jeanne. Die beiden hatten sich einst in Paris kennen- und liebengelernt und schon in den 1970er Jahren ein erstes Konzept gemacht, dieses napoleonische Bauwerk zu verhüllen. Nun hat es posthum also doch noch geklappt, und wir stehen wie viele andere davor. Ich bin beeindruckt davon, wie der Taschenverlag überall fix Stände aufgebaut hat, um seine Bücher zum Thema während der 18tägigen Ausstellung zu verhökern. Wir sehen mit Freuden mehrere Mal- und Zeichengruppen, die mehr oder weniger gelungene Skizzen von diesem Werk anfertigen. Zu beobachten sind echte Christofans, die hingerissen das Objekt bestaunen. Und wir. Wir können wieder einmal so gar nichts mit dieser Kunstform anfangen. Ich fand auch schon den Reichstag doof. Banausen eben…

 

Ein letzter Blick, ein leises Kopfschütteln und schon schlendern wir die Champs Elysees Richtung Rond Point hinunter, genießen die Parks und Passanten, freuen uns über die Sonne, die sich durchgerungen hat.

 

Irgendwann entdecken wir vorm superfeinen Hotel Crillon eine jugendliche Meute, die darauf wartet, irgendeinen uns völlig unbekannten Rapper zu bejubeln, dann biegen wir auf den Spuren Coco Chanels ein in die Rue Cambron. Alles, was an Mode gut, vor allem teuer ist, findet sich in der rue St. Honoré. Wir gucken kurz und laufen weiter zur Madeleine.

 

Den Louvre haben wir hinter uns gelassen. Anders als in fast allen Ländern weltweit sind in Paris viele Museen statt am Montag am Dienstag, also heute geschlossen – auch der Louvre.

 

Mit der Metro fahren wir irgendwann ermattet 16 Stationen nach Hause. Die Sinne haben Hochkonjunktur in Sachen Wahrnehmung, Füße, Waden und Hüften schmerzen nur noch. Wir müssen uns ein bisschen ausruhen.

 

Ein Stündchen später haben wir den Place d‘Italie überquert und tauchen in eine völlig andere Welt ein: Chinatown, eines der asiatischen Viertel von Paris, in dem rund 200 000 Menschen aus China, Vietnam, Thailand und anderen Ländern leben sollen. Nebenbei: Hier auf den Straßen  finden sich Menschen aller Hautfarben und von allen Kontinenten ebenso wie die Asiaten.

 

In einem chinesischen Laden für Gastronomiebedarf versuchen wir, bestimmte Gläser aufzutreiben, aber das klappt nicht. Kawa hat sie zwar online im Sortiment, aber davon ist im Laden nichts zu finden.

 

Also marschieren wir einfach planlos zwischen Hochhäusern und Imbissbuden kreuz und quer durchs Viertel. Dieses Chinatown ist ganz anders als die in New York oder London. Dieses ist eher eine eng bebaute Schlafstadt mit Essgelegenheiten. In vielen Fenstern hängen entsprechend schon die lackierten Enten und warten auf uns.

 

Nun wird es allerdings ganz skurril. Wir betreten einen Laden namens Fleur de Mai, was auch als Mayflower übersetzt werden könnte. Außer, dass man zwei Karten auf den Tisch wirft, nimmt niemand so recht Kenntnis von uns. Die Belegschaft muss erst einmal zu Abend essen. Natürlich fragt auch niemand nach dem passe sanitaire. Auf den Nebentischen türmen sich neben Reis ganze gesottene Fische, gekochter Kohl und mehr. Acht bis zehn Personen verschlingen all das. Einige in kurzen Hosen und kniehohen Gummistiefeln (die arbeiten hinten in der Küche), fast alle mit ziemlich schmierigen Schürzen, mies gelaunt und laut schmatzend. Zwischendurch erscheint immer wieder mal ein winziger Opa. Der Chinese führt eine Art elektrische Pumpe, eventuell auch eine Höllenmaschine mit blanken Drähten mit sich und fliegt sofort laut kreischend raus. Immer wieder. Opa will eigentlich was wissen, aber er scheint ein Sicherheitsrisiko zu sein. Vielleicht nervt er auch nur. Wir verstehen nichts genau und französisch spricht hier auch keine Seele. Der alte Mann wird immer kleiner in seiner schmierigen Wattejacke und schlurft mal raus, dann wieder rein. Mit Blick auf ihn und die Belegschaft und einem scheuen Spähen in die Küche bestellen wir beide Ente. Die kommt aus dem Fenster, also aus einer Ecke, die wir einsehen können. Erwartungsgemäß starrt sie vor Knochen: Der Koch hat sie ohne Rücksicht auf die Karkasse zerdeppert und auf unsere Teller geworfen. Außer dem Personal sitzt übrigens noch ein chinesisches Trio im Restaurant. Das hat Suppe mit Einlage und ebenfalls eine Portion Ente bestellt. Was nicht gekaut werden kann, wird halt auf den Teller gespuckt. Wir sind fasziniert von dem sich uns bietenden Schauspiel. Kurz, bevor wir gehen, kommt Opa noch mal mit seiner Maschine, fliegt raus – und wir machen uns kichernd aus dem Staub. Was für eine Szene!

 

Straßen später finden wir uns in Paris wieder, trinken nach der Prüfung des passe sanitaire zu einem Dessert noch einen Absacker in einer urfranzösischen Bar und lachen immer noch über China, den Opa, die Ente und die Höllenmaschine…

 

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