Atacama

Bei gleißendem Sonnenlicht haben wir uns nach dem Frühstück im Hotel Don Esteban zu Fuß auf den Weg ins Dorf gemacht. 1,5 Kilometer bis zum Marktplatz von San Pedro de Atacama. Auf den zweiten Blick wirkt der Ort noch schrecklicher. Vielleicht liegt es an den Fernbussen, die gerade Backpacker aus aller Welt ausspeien, vielleicht sind wir für diese Ibiza-Marrakech-Mischung auch einfach nur zu alt. Aber wir haben drei Gründe für unseren Spaziergang. Erstens brauchen wir dringend eine ATM, denn wir haben keinen einzigen chilenischen Peso in der Tasche. Zweitens müssen wir in einer Apotheke Aspirin kaufen, falls uns die Höhenluft ärgern will. Und drittens wollen wir fürs Abendessen irgendwas plus eine gute Flasche Wein einkaufen.
Gestern waren wir soetwas wie Parasiten einer chilenischen Reisegesellschaft, die vier Tage in unserem Hotel mit Vollpension wohnt. Die wurde mit Pute, Gemüse und Kartoffeln gefüttert. Wir auch. Vorab gab es die belangloseste vorstellbare Suppe. Man fragt sich doch, wie es angehen kann, dass inmitten einer der größten Salzseen der Welt kein Salz verwendet wird. Ein Rätsel… Zu trinken gab es Wasser und ein Glas Wein, hinterher noch eine Kugel Eis. Alles zum Pauschalpreis von 9000 Pesos pro Nase. Nicht schlecht, aber auch nichts, was wir unbedingt wiederholen wollen.
Interessant war allerdings die Beobachtung, wie Reiseleiter mit ihren Gästen umgehen. Es hat etwas von einer Klassenfahrt… Natürlich ist das Programm der Gruppe scharf getaktet, aber die einzigen Fragen, die auftauchten, betrafen die Verpflegung. Metkwürdig.
Wie dem auch sei: Heute ohne uns. Wir kaufen ein paar Empanadas, weil man die gut kalt essen kann, eine Flasche Carmenere, weil man den immer trinken kann, außerdem viel Wasser und schleichen zurück ins Hotel. Alles erledigt. Wir auch.
Aber es kommt natürlich nicht infrage, dass wir den Tag vertrödeln (obwohl wir schon eine Nacht verlängert haben). Die Wüste ruft.
Tja. Was soll man dazu sagen? Wie soll man das alles beschreiben? Wir vergessen manchmal, durchzuatmen, fahren einige Kilometer über eine Schotterpiste direkt durch die Wüste, sehen wilde Esel und Vicuñas (das sind die wilden Lamas), sind aber noch lange nicht an der Lagune der Flamingos. Im Observatorium fragen wir nach Besuchsmöglichkeiten. Samstags und sonntags kann kostenlos besuchen, wer sich vorher online angemeldet hat. Die kostenfreie Anmeldung hat einen Haken. Viele, viele Touristen, die ihre Reise genau zuhause planen, melden sich schon mal an. Ob sie jemals in die Gegend kommen oder nicht. Das wiederum hat zur Folge, dass nahezu jeder, der sich in die Warteliste einträgt, auch ins Observatorium kommt. Viel Bürokratie ohne Sinn und Verstand. Wir werden sowieso nicht hochfahren, weil wir wieder auf 4500 Meter klettern müssten. Das werden wir nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Also: nein.
Stattdessen fahren wir ganz allein weiter durch die riesige Wüste, die auf rund 2400 m Höhe liegt. Die Atacama zählt zu den trockensten Gebieten der Welt: Obwohl sie sich entlang der südamerikanischen Pazifikküste erstreckt, gilt die Anden-Region zwischen Peru und Chile als besonders dürr. Der Grund: Es regnet in der Atacama eigentlich nie. Die Wüste, die sich von Tacna im Süden Perus bis nach Copiapo im Norden Chiles zieht, liegt im Regenschatten der Anden. Das bedeutet, dass sich die aus dem Osten kommenden Wolken bereits vor den Anden abregnen. Im Westen ist die Atacama Wüste durch den Pazifik begrenzt. Hier verhindert der Humboldtstrom, eine kalte Meeresströmung, die Entwicklung von Regenwolken. Das Ergebnis: 1200 Kilometer rotbraune Erde und sich auftürmende Felsen. Nur heute ist es etwas anders: dunkle Wolken überall. Sogar auf der Plaza in San Pedro werden vorsichtshalber die Stühle in Sicherheit gebracht. Letztlich regnet es dann doch wieder nicht.
Wir fahren aber erst mal weiter. Nach einem Stück asphaltierter Strasse mit atemberaubenden Ausblicken auf die Anden-Vulkane auf der einen, den Salzsee auf der anderen Seite biegen wir wieder auf eine Piste ab. Links und rechts Wüste, einzelne Sträucher und bemerkenswerter Weise viel Grün. Durch die heftigen Regenfälle im Winter blüht die Wüste nun zum zweiten Mal in diesem Jahr. Ein Phänomen, das in den Aufzeichnungen noch nicht vorgekommen ist.
Die Trockenheit spüren wir in jeder Pore, die Lippen sind trocken, die Haut spannt. Unser Ziel im Salar de Atacama, der Salzwüste, ist die Lagune Chaxa. Wir parken, zahlen Eintritt, finden es ein bisschen bizarr, dass mitten in dieser großartigen Einöde ein Weiblein in einer Hütte sitzt und pro Kopf 2500 Pesos Eintritt verlangt. Aber egal, wir trippeln los, beherzigen natürlich auch, dass wir gefälligst leise zu sein haben, um die Flamingos nicht zu stören. Ich setze wegen der Sonne mein Hütchen auf, über das gemeine Menschen (!) schon gemutmaßt haben, es sei eigentlich ein umgebauter Umzugskarton. So nähern wir uns der Lagune im Salzsee, sehen tatsächlich Flamingos, fotografieren und beobachten sie, bis ein laute französische Reisegruppe die Stimmung zerstört. Wir hauen ab und haben trotz der faszinierend schönen Ausblicke eine Fata Morgana vor Augen: ein frisch gezapftes Bier. Dafür müssen wir natürlich wieder ins Dorf, das rund 45 Kilometer nördlich liegt.
Die Landschaft, die wir durchfahren, ist unwirklich. Wir befinden uns mitten in der größten Salzwüste der Welt. Sternen-Gucker haben von hier den besten und klarsten Blick auf den Nachthimmel. Allerdings klappt das im Moment auch nicht so recht, wie uns ein Paar aus British Columbia erzählt. Zwar sind sie vor Glück fast aus den Puschen gekippt, als sie auf einem Parkplatz mitten in der Wüste unser Auto mit Vancouver Plates entdeckten. Aber traurig waren sie dann doch, weil sie schon in der vergangenen Nacht eine teure Exkursion in die Wüste gebucht hatten. Weit und breit kein Stern, nur dichte Wolken. Das soll sich, so die Kanadier, erst Mittwoch, Donnerstag nächster Woche wieder ändern. Dann sind sie längst in Peru am Macchu Pichu. Und wir? Wer weiß…
Erstmal gibt es auf der Plaza ein Bier, dazu eine Picada aus gegrilltem Fleisch. In Chile darf Alkohol nur ausgeschenkt werden, wenn gleichzeitig etwas gegessen wird. Danach ein paar Besorgungen: in der Apotheke (!) laden wir die Karte unseres Telefons auf, in einer Wechselstube kaufe ich mir eine 16 gb Karte für meine Kamera. Aus Sicherheitsgründen löschen wir erst einmal nichts, aber ich fotografiere quasi immer. Auf dem Parkplatz glauben wir, unseren Augen nicht trauen zu können: gleich drei Overlander  – und alle mit Schweizer Kennzeichen. Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil wir fast gar keine Reisenden auf großer Fahrt getroffen haben. Wir winken einander freundlich zu und fahren weiter.
Gegen sieben sind wir wieder im Hotel. Platt und alle. Die dünne Luft lässt jede Bewegung zur Anstrengung werden. Macht aber nichts, es geht uns ja verdammt gut.
Morgen wollen wir weiter durch die Atacama reisen. Das Ziel: der Pazifik! Och, schön…

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