Sturm & Drang

 

Jesses, hat es die arme Rosie letzte Nacht geschüttelt! Wir hatten schon alles für ein Abendessen auf dem hölzernen Picknicktisch ausgepackt, als plötzlich der Wind auffrischte. Nicht so ungewöhnlich am Meer, aber es wurde so stürmisch, dass wir alles wieder zusammengesammelt und Bemmen (sandwiches) im Auto gegessen haben. Und dann ging’s richtig los: Rosie, gerüttelt und geschüttelt… Ich habe trotzdem ziemlich tief und fest geschlafen, Juan aber leider nicht, dazu hat er auch noch gefroren. Gegen acht Uhr morgens war alles wieder ruhig, aber wir hatten keine grosse Lust, hier in der Nanoose Bay wieder alles zum Frühstück auszupacken.

Also: ab auf den Highway Richtung Norden. In Parksville, einer zurecht völlig unbedeutenden Stadt, frühstücken wir in einem Serious Coffee (so heisst die Kette), damit wir nicht mit knurrendem Magen die Insel überqueren – es sind immerhin knapp 180 Kilometer. Nach dem Sturm drängt uns nun alles an den Pazifik. Inzwischen ist es auch schon wieder ziemlich warm geworden – Tshirt-Temperaturen um 20 Grad.

Wir tanken noch einmal voll und biegen dann auf den Highway 4 ab, der uns direkt an die Westküste bringen wird, übrigens die einzige Strasse in dieser Richtung. Unser erster Stopp nach rund 40 Kilometern führt uns in den Little Qualicum Provincial Park, mitten in die Wildnis. Hier soll es entlang des Qualicum Rivers tolle Wasserfälle geben. Also machen wir uns auf die Socken, die Augen in alle Richtungen rollend, denn natürlich gibt es hier auch Bären. Die haben vielleicht uns gesehen, umgekehrt wurde es nichts… Dafür wandern wir durch einen richtig schönen Wald, steigen ab zu einem Wasserfall, wieder auf zu einem anderen. Natürlich begegnen wir einigen Menschen, aber das ist überschaubar. Wir möchten uns nicht vorstellen, wie es im Sommer sein wird.

Nach einem Stündchen auf dem Trail sind wir wieder unterwegs, fahren durch unendliche Nadelwälder über die alte Holzfällerstadt Port Alberni, bis wir über kurvenreiches Gebiet diese wirklich schöne Strasse am Pazifik verlassen: Wir sind im Pacific Rim National Park, der übrigens zum UNESCO-Welterbe gehört, angekommen. In der tourist information von Ucluelet wird uns schon mal der Zahn gezogen, am berühmten Green Beach campieren zu können. Alles voll. Jetzt, morgen, auch nächste und übernächste Woche.

Oh. Damit haben wir nicht gerechnet. Einmal schütteln, weiter. Also gucken wir mal den Wya Campground an. Die Strasse dahin ist höllisch: Schotter mit tiefen Löchern, abenteuerlich eng bei Gegenverkehr, den es durchaus gibt. Wir treffen Jerry, den Parkwächter. Um hier campieren zu können, muss man den ganze Weg zurückfahren und an der Strasse einchecken. Jerry ist Indianer und sehr entspannt. Auch auf die Frage, warum denn überall Warnschilder vor Wölfen aufgehängt sind, reagiert er gelassen: „Die waren immer schon hier. Jetzt hat einer von den Bossen mal einen gesehen und macht Alarm. Alles Quatsch.“ Es sind auch nicht die Wölfe, die uns weitertreiben, sondern die Lage des Wya. Die besseren Pätze sind sowieso alle besetzt, der Rest liegt tief und kalt und schattig im Wald. Nö. nö…

Weiter nach Ucluelet. Wenigstens sehen wir hier mal den Pazifik, wie er tobt und schäumt und unter der Sonne blitzeblau ist. Aber der Campingplatz… Nicht wirklich schlecht, mit 40 Dollar auch nicht sonderlich günstig, die wenn man bedenkt, dass es nicht einmal Duschen gibt. Warnschilder weisen darauf hin, dass Bären in der Nähe sind. Man muss nachts alles in die Autos packen, bloss keine Lebensmittel, Cooler oder Krümel hinterlassen. Wer die Regeln nicht einhält, wird in Regress genommen. Naja. Wir behalten den Platz mal ohne Begeisterung im Hinterkopf. Es geht auf fünf zu und wir gucken schon mal nach einem Motel. Ein Laden, in dem sich Psycho selbst gegruselt hätte kostet 250 Dollar. Die Nacht. Ein anderer mit Jacuzzi und Schnickschnack 190.

Gut, wir gucken wieder auf Campingplätze. Einer, ganz im Norden in Tofino, soll noch Platz haben. Also gehen wir mal gucken… Es sind immerhin 40 Kilometer. Auf dem Weg dahin liegt Green Beach, der zwar voll ist, aber angucken kann man ihn ja trotzdem. Wir sind ein bisschen frustriert. Zwar ist der Long Beach ein Traum, aber der Platz ist im tiefen Wald, kalt und klamm. Aber das Meer, das Meer! Sooooo schön!

Das ist es auch am Mackenzie Beach, über dem der Campingplatz ist. Wollen wir hier wirklich drei Nächte campen? Nein, das wollen wir nicht. Internet angepeilt, booking gecheckt. Eine günstige Bude (knapp 60 Euro) am Wasser sieht ganz gut aus. Die gucken wir uns an – und buchen auch gleich ein Zimmer mit Meerblick für die nächste drei Tage. Da muss Rosie tapfer sein. Aber auf einem doofen und/oder überfüllten Campingplatz im Wald – das hätte ihr auch nicht gefallen.

Wir checken ein, freuen uns über einen tollen Blick und besorgen bei dem Chinesen, dem das Hotel gehört, viel Eis, damit die Lebensmittel in unserem Cooler nicht schlappmachen. Danach gucken wir uns mal an der Pier um. Wasserflugzeuge, ein Heliport, alles schön und gemütlich. Ich hatte mal gelesen, dass einen die Wolke über Tofino auf der Stelle stoned macht, aber ich rieche nichts, sehe auch weit und breit keinen Joint… Wahrscheinlich aus dem Reich der Legenden des braven Hippies.

Fast gegenüber unseres Hotels liegt auf einem Steg das alte Ice House, das heute Oyster Bar und Restaurant ist. Der Kellner, der ein bisschen wie Jeff Goldblum auf 90 Grad gewaschen aussieht, gibt uns tatsächlich einen der begehrten Tische. Ein Träumchen! Wir essen Salmon und Cod, trinken dazu ein Bierchen und sehen in den beginnenden Sonnenuntergang. Wären wir da bloss sitzen geblieben! Bei unserem anschliessenden Bummel durch den Ort finden wir keine Bar für einen Absacker, also schnappen wir uns im Licquor store, der praktischerweise in unserem Hotel ist, zwei Dosen Bier und sehen in das Farbenschauspiel, das die Sonne für uns aufführt, vom Fenster in unserem Zimmer an. Richtig, richtig schön hier in Tofino bei diesem Traumwetter! Wir sind gespannt auf die nächsten Tage.

Kommentare (10)

  1. Andrea

    Hach, Euch geht es scheinbar richtig gut – toll. Wenn nur die Hunde nicht wären. 🙂
    Grüße an den Attraktivsten
    vom Olsch

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    1. admin (Beitrag Autor)

      Kann man wirklich so sagen! Und zu den Hunden kommen jetzt noch die Wölfe. Flucht auf den Baum zwecklos – da sitzen ja die Bären

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      1. Andrea

        Ja, ich sehe schon … für Dich ist das nicht wirklich leicht. 🙂 Sei froh, dass Ihr nicht in Australien seid, Schlangen sind viel fieser als Bären und Wölfe und vor allem Hunde

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        1. admin (Beitrag Autor)

          Da sagste was! Auf Schlangen hatte ich natürlich immer ein Auge. Und auf Känguruhs: Die stecken dich in ihren Beutel – und zack! Weg biste!

          p.s. gleich geht’s ans Meer. Alles voller Orcas, Haie, Seeungeheuer… Man muss echt überall aufpassen. Oder vielleicht doch besser fernsehen? Och, nö….

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          1. Andrea

            Ja, seid vorsichtig – man weiß nie, wem man so begegnet. Und Schottland gibt es bestimmt bei Euch auch:
            http://www.der-postillon.com/2017/05/nessie-nachwuchs.html

            🙂

          2. admin (Beitrag Autor)
  2. cocodrill

    Tofino scheint ein tofftes Örtchen zu sein.Gefällt mir ausgesprochen gut. Die Strände sind ja super. Ich dachte nur Oregon wäre schön am Meer.. Falsch. Tolles Reisen Euch weiterhin..c Wir sind sehr gerne mit Euch.

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    1. admin (Beitrag Autor)

      Das ist wahr. Du kannst hier buchstäblich stundenlang am Wasser sitzen und jede Art von Schauspiel beobachten: schneebedeckte Hügel, kristallklares Wasser, unendliche Wälder, durchgeknallte Surfer, alte Indianer, Möven, Krähen, Wasserflugzeuge, Kayak – und alles immer anders. Wunderschön. Und genau das Zimmer, das wir hier haben, wäre wegen des Blicks das Eure! Bleibt uns gewogen!

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  3. Karin

    Hunde jnd Wölfe sind halb so schlimm und besser als ihr Ruf.
    ich seh all die Wasserflugzeuge und frag mich unwillkürlich, ob es Euch nicht reizt die Kanadische Landschaft auch mal aus der Vogelperspektive zu sehen?
    Eure Bilder sind echt wunderschön. Inzwischen weiss selbst ich was eine Bemme ist, war trotzdem Lustig den Hinweis auf das Sandwich zu sehen.
    Ich lümmel grad so auf dem Soda rum und geniesse es gedanklich mit Euch zu reisen. Meiner Katze Chilli gefällt das auch, denn dann kann sie mich in Beschlag nehmen und ihr Nickerchen auf mir machen…bei der Hitze eher eine zweifelhafte Ehre….denoch ich geniesse es, Katze und den Reisebericht

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    1. admin (Beitrag Autor)

      Das klingt ja alles wunderbar gemütlich! Übers Fliegen denken wir noch nach. Tatsächlich sind wir schon von der Erde aus masslos begeistert! Weiter ein schöne Zeit und danke für das Kompliment!

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