Unwetter über Bordeaux

Die beste Nachricht des Tages kam schon ganz früh morgens: Unser Freund Christian hat seine OP gut überstanden und darf morgen das Krankenhaus verlassen. Wahrscheinlich bleibt ihm dann nur eine kurze Erholungsphase, bevor’s zurück nach China geht, aber Hauptsache, es geht ihm gut.
Wir haben auch keinen Grund zu klagen, obwohl wir den hübschen Badeort Châtelaillon-Plage Richtung Bordeaux verlassen. Allerdings stören die Nachrichten unsere Pläne: schwere Unwetterwarnung für die Region. Theoretisch wollten wir mit einer Fähre von Royan nach le Verdon übersetzen, aber bei Sturm über der Biscaya? Unsere Wirtin im Hotel d’Orbigny meint zwar, dass man „es vormittags schaffen kann, weil der grosse Sturm wahrscheinlich erst nachmittags“ käme, aber dazu macht sie ein bedenkliches Gesicht. Also doch wieder auf die Autobahn nach Süden.
Wir sind so mit Plan B beschäftigt, dass wir vergessen, einen Blick auf die Tankanzeige zu werfen. Und es ward Licht… Leider weit und breit keine Tanke. Na toll. Auf den letzten Tropfen rollen wir in Saynes zu Agip. Zurück auf der A10 gibt es schon mal ein bisschen Regen, aber nichts Wildes.
Ungefähr 50 km vor Bordeaux fahren wir, nun schon in Aquitanien, aufs Land und durch unendliche Weinberge, als uns Regen und Gewitter massiv erwischen. Links und rechts ziehen wie verschleiert unzählige Chateaux vorbei. Offenbar nennt sich jede Hütte, die von Wein umgeben ist, schon einmal Schloss. Aber dem können wir nicht auf den Grund gehen. Dann stehen wir auch noch vor der wegen Wartungsarbeiten geschlossenen Brücke über die Dordogne. 30 Kilometer Umweg durchs Gewitter. Wir sind froh, dass uns keiner der zahlreichen Bäume auf den Kopf fällt. Über eine grossartige Autobahnbrücke halten wir bei anhaltend miesem Wetter Einzug in Bordeaux.
Uschi lotst uns zum ersten Hotel, das wir uns ausgeguckt und pfiffigerweise nicht gebucht haben. Das haben nun andere für uns erledigt: das Haus ist voll. Und das daneben auch. Prima. Also wird wieder der Huawei fürs mobile Internet aktiviert. booking.com macht uns gleich Hoffnung, weil bereits 91 Prozent aller Betten ausgebucht sind. Wir schnappen uns online eines der letzten. Dass es ein Dreibettzimmer ist? Who cares… Gut ist, dass es sich näher an der Altstadt und damit auf der anderen Seite der Garonne befindet. Zimmer ok, aber das Wetter…
Es regnet, es tröpfelt, es nieselt. Immer abwechselnd. Aber das Thermometer bleibt bei 30 Grad hängen. Eine Waschküche! Aber es nützt ja nichts, wir wollen etwas von Bordeaux sehen. Das Auto bleibt in der Hotelgarage, wir machen uns zu Fuss auf den Weg.
Die von der Grösse her relativ überschaubare Altstadt, die innerhalb der ehemaligen Stadtmauer liegt, steht seit 2007 unter dem Schutz des UNESCO-Weltkulturerbes. Mit knapp 350 historischen Bauwerken, einem geschützten Sektor von 150 Hektar und den drei wichtigsten Kirchen, die bereits im Rahmen der Jakobswege als Weltkulturerbe eingestuft waren, entdeckt man in Bordeaux an fast jeder Ecke ein geschichtsträchtiges Gebäude. Trotz des miesen Wetters, trotz vieler, vieler Touristen, die wie wir drängelnd Schutz unter Markisen suchen.
Vor über 2000 Jahren war die Stadt nicht nur Handelshafen, hier trafen sich auch Philosophen und Schriftsteller zum kulturellen Austausch und machten Bordeaux nach und nach, vor allem ab dem 12. Jahrhundert, zu einem Schmelztiegel aus Humanismus, Universalität und Kultur. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das äussere Erscheinungsbild der Viertel-Millionen-Stadt immer wieder neu erfunden: Die Fassaden der Wohnhäuser, die wir heute bewundern, datieren zurück bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, damals wandelte sich das mittelalterliche Stadtbild in den klassizistischen Stil. An manchen Ecken haben wir das Gefühl, mitten in Buenos Aires zu stehen. Kein Wunder, denn es waren französische Baumeister, die das Stadtbild am Rio de la Plata geprägt haben.
Über 4000 der Sandstein-Häuser sind in Bordeaux denkmalgeschützt, mehr als sonst irgendwo in Frankreich – außer in Paris.
Besonders beeindruckend sind das Grand Théâtre, der ganze Stolz der Bordelaisen, die malerische Pont de Pierre, die Sakralbauten, darunter die Kathedrale Saint André, die Basilika Saint Michel oder die Kirche Saint-Louis, deren monumentale Türme in der Nacht von innen mystisch beleuchtet sind. 
Ebenfalls unbedingt sehenswert ist der Place de la Bourse, ein von herrlichen Bauten umsäumter Platz aus dem 18. Jahrhundert, der als architektonisches Meisterwerk gilt. Hier erstreckt sich seit 2006 über eine Fläche von 3450 Quadratmetern das weltgrößte Reflexionsbecken. Der so genannte Miroir d’eau („Spiegel aus Wasser“) kann, wie wir staunend sehen, sogar Nebel erzeugen. Leider, leider ist das Wetter so mies, dass wir kaum Fotos machen. Auf dem Place des Quinconces, mit mehr als 12 Hektar der grösste Platz Europas, ist die Sicht zusätzlich eingeschränkt. Hier hat sich ein riesiger Zirkus breit gemacht. Das Monument des Girondins, das an einen Aufstand im 19. Jahrhundert erinnern, nehmen wir wegen des Regens nur noch aus den Augenwinkeln wahr; wir flüchten. In eine Bar, versteht sich. Trinken ein Weinchen, beobachtem Damen um die 80, 85, die ihren knallroten Lippenstift mit jener ungeheuren Grandezza tragen, die man nicht lernen kann. Hat man – oder eben nicht. Wir fürchten ein bisschen, dass es hier an elegantem Nachwuchs mangelt.
Zügig sehen wir uns auf dem Rückweg die Kathedrale St. André von innen an, die übrigens fast so gross wie Notre-Dame in Paris ist, schnacken mit einem entzückenden älteren Herrn, der früher Steward auf der Concorde war, und trollen uns erst einmal ins Hotel. Auf den letzten Drücker, denn kaum haben wir die qualmenden Turnschuhe von uns geworfen, verdunkelt sich der Himmel. Er wird nicht grau, er ist fast schwarz. Wahrscheinlich, damit man die atemberaubenden Blitze noch besser sehen kann, die über der Stadt ein Schauspiel abziehen. Orchestral von dicken Regentropfen begleitet. CNN geht mitten im Gewitter in die Knie, möglicherweise vom Blitz getroffen. Übrigens mitten in einer Trump’schen Rede. Wenn das kein Zeichen ist… Also bleibt der Fernseher aus. Das französische Fernsehprogramm entspricht in etwa RTL 1 bis 100. Schlimmer als in Italien.
Wir sind ganz froh, dass wir uns für heute Abend schon ein Restaurant ausgeguckt haben. Das Bistrôt du Sommelier ist nur zwei, drei Häuser von unserem Hotel entfernt. Sollte die Welt heute untergehen wollen, erwischt es uns wenigstens in einem wunderbaren Gourmet-Restaurant. Sollten das Gewitter und der Regen allerdings in diesem Stil weitergehen, bestellen wir von irgendwo ein Pizza aufs Zimmer.

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