Salt Lake City

 

Juan schläft zehn Stunden, ich stehe eine halbe Stunde früher auf und besorge schon einmal Kaffee aus der Lobby. Noch ist es fast frisch vor der Tür: 23, 24 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von 30 Prozent.

Wir machen genau das, was wir uns vorgenommen haben: trödeln. Gegen elf kommen wir langsam in Gang, weil wir in einen Walmart müssen, um eine neue Mütze für Rosie zu besorgen. Inzwischen ist es schon sehr, sehr warm. Daran müssen wir uns erst einmal gewöhnen. Tatsächlich finden wir relativ schnell einen roof cargo bag (also eine Tasche fürs Dach), sind natürlich auch schon ordentlich erschöpft von dem Stress.

Trotzdem: downtown Salt Lake City wartet auf uns. Erst mal hoch zum Capitol, das dem in Washington D.C. sehr ähnlich sieht. Gegenüber ist das visitor center mit einem reizenden älteren Herrn, der uns ein paar gute Tipps für die Weiterfahrt in zwei Tagen gibt und auch eine kleine Tour für SLC heute in petto hat.

Die Hauptstadt von Utah ist recht überschaubar: Knapp 200 000 Einwohner, fast eine Million insgesamt im weiteren Umkreis.

Seit 2002 sind die Sitten hier etwas lockerer geworden: Die Stadt richtete die olympischen Winterspiele aus, was unter anderem zur Folge hatte, dass die Welt Kenntnis von dieser Stadt erhalten hat – und SLC keine dry city, also alkoholfreie Stadt, mehr ist.

Aber sie ist immer noch die Hauptstadt der Mormonen, denen Olympia so ziemlich überall vorbeiging: Sie trinken weder Alkohol noch Kaffee, haben keinen Sex vor der Ehe und taufen Tote. Für die 14 Millionen Mormonen gelten strenge Regeln. Sie legen großen Wert auf Fleiß, Familie und Gemeinschaft.

Ungefähr 50 Prozent der Einwohner dieser Stadt sind heute Anhänger dieser Kirchengemeinschaft, deren Gründer Smith im 19. Jahrhundert im Staat New York eine Erscheinung hatte, aus der das Buch Mormon entstand. Näheres dazu unter https://de.m.wikipedia.org/wiki/Mormonentum

Lange Zeit führte die Gemeinschaft ein eher abgeschiedenes Dasein, aber das hat sich grundlegend geändert.

Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ ist aus dem Schatten herausgetreten. Und im hellen Tageslicht sehen wir, wer die Mormonen sind: junge Paare, ältere Leute, quäkende Kinder. Viele Weiße, aber auch Schwarze und Latinos, die eine merkwürdige, sehr milde, etwas fade Theologie haben und einander mit „Brüder und Schwestern“ anreden. Ganz normale Amerikaner.

Auf dem Temple Square im Herzen der Stadt muss man damit rechnen, von jemandem angesprochen zu werden, der sich Missionar nennt. Mormonische Missionare sind keine ältlichen Vogelscheuchen in modisch längst überholter Kleidung, sondern typischerweise genau das Gegenteil. Wer nicht missioniert werden möchte, ist rund um den Temple Square gut beraten, mit auffällig gutausehenden jungen Menschen, auch wenn es schwer fallen mag, von vornherein jeden Blickkontakt zu vermeiden.

Die Mormonen sind weltweit auf der Suche nach neuen Schäfchen. Eines haben sie in Mexiko gefunden, eine attraktive junge Frau, der wir im Visitor Center der Gemeinschaft begegnen. Sie erklärt ein bisschen das Gelände und bietet Führungen in welcher Sprache auch immer an – wir lehnen dankend ab.

Und machen uns bei sengender Hitze allein auf den Weg.

Der Temple Square ist der Block rund um den weithin sichtbaren Salt Lake Temple. Hier befinden sich die bedeutendsten Anlaufstellen der mormonischen Glaubensgemeinschaft. Das Gotteshaus ist für die Öffentlichkeit allerdings nicht zugänglich. Mindestens drei Leute versichern uns, dass dahinter nichts Geheimnisvolles stecke, es sei eben nur der heilige Tempel, der den Mormonen vorbehalten bliebe. Es findet gerade eine Hochzeit statt, aber auch von den Gästen darf nicht jeder den Tempel betreten. Erst muss er bestimmte Zeremonien durchlaufen – und selbstverständlich Mormone sein.

Der Tabernacle, das Versammlungshaus der Mormonengemeinde, ist frei zugänglich. Hier werden wir sofort angesprochen, ziehen aber hurtig weiter.

Die Family History Library ist ebenfalls öffentlich und ein wahrer Schatz für Genealogen: Hier befinden sich so viele Familiendaten wie sonst nirgendwo auf der Welt. Die habe ich vor Monaten schon mal online konsultiert, aber von meinen Ahnen keine Spur gefunden. Zum Glück hat das dann ja auf anderen Wegen geklappt.

Das Conference Center, die Verwaltung der Kirche, ist ein architektonisch interessantes Zentrum, dessen Dachgarten reizvolle Blicke auf die Stadt ermöglicht. Das Auditorium umfasst 21.000 Sitzplätze und ist zu jeder Veranstaltung bis auf den letzten Platz besetzt. Auf den letzten Drücker bekommen wir noch von einer sehr netten Lady eine Führung. Sie hat Ende der 60er Jahre in Schwabing gelebt, bevor sie irgendwann in Salt Lake landete. Ihre kurzweilige Führung ist jäh zuende: Es wird abgeschlossen, der Sicherheitsmensch steht schon mit strengem Blick bereit.

Wieder landen wir in sengender Hitze auf der Strasse, jede Verwirklichung eines Planes ist einfach zu anstrengend. Wir kaufen schnell ein gegrilltes Huhn, ein Baguette, ein paar Tomaten und flüchten in unsere wohlklimatisierte Hütte. Zwei Waschmaschinen später liegen wir mit einem Glas Malbec erschöpft vor dem Fernseher und gucken „Grüne Tomaten“, den wunderbaren Film über Leben und Freundschaft.

Morgen haben wir hitzefrei.

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