Riga mit Stil

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Das Frühstück in unserem Hotel ist so ein Mittelding zwischen Corona-Massnahme und keine/wenig Ahnung: Vom Empfang erhält man eine Liste und soll ankreuzen, was man essen möchte: Eier, Aufschnitt, Tomaten etc. Die sammelt ein Kellner ein und trabt in die Küche. Der nächste bringt ein nacktes Körbchen mit Brot und Butter und verweist auf das aufgebaute Buffet: Kaffee aus der Maschine, vom Buffet-Tisch jeweils einzeln in Klarsichtfolie Verpacktes. Marmelade, Honig, Obst. Es gibt auch Plastikcontainer mit portionierten Corn Flakes, Kuchen. Alles nicht so leicht durch die Folie zu erkennen. Dann kommt auch schon der behandschuhte Ober mit Eiern und anderem Bestellten. Dazu dröhnt Heavy Metal aus leistungsfähigen Lautsprechern…

 

Man muss sich einen Moment vom Frühstück erholen, aber dann schnappen wir uns ein Bolt-Taxi und auf geht’s wieder ins Vergnügen namens Riga. Heute ist ein bisschen Kultur angesagt und entsprechend lassen wir uns zunächst einmal ins Jugendstil-Museum fahren. Lettlands Hauptstadt ist eine Fundgrube für alles, was architektonisch um die vorvergangene Jahrhundertwende ersonnen wurde. Die grössten Jugendstilarchitekten ihrer Zeit haben sich hier verewigt. Und es wild getrieben mit ihrer damals so neuen Kunst, die dem strengen Klassizismus ins Gesicht gelacht hat.

 

Die Damen an der Museumskasse sind reizend, lassen sich in ihren über 100 Jahre alten Kleidern fotografieren und weisen uns nach einem Blick ins atemberaubende Treppenhaus den Weg in den Keller: Es findet einer Sonderausstellung mit Vasen des Jugendstils statt. Die Veranstaltung ist in der ganzen Stadt plakatiert, aber offenbar sind wir die einzigen, die dem Ruf gefolgt sind. Wunderbare Gefässe, eines schöner als das andere, dazu der kitschige Unsinn der Jahrhundertwende – hübsch!

 

Treppe hoch betreten wir eine 1:1 eingerichtete Wohnung des Jugendstils, durch die eine ätherische Dame mit übergrossem Hut huscht. Sie lässt sich nieder am Klavier und spielt uns ein Stück aus dem Jahr 1903, in dem dieses Haus gebaut wurde, vor. Es ist wie eine Zeitreise und lässt uns ein wenig atemlos. Wir lernen Wohn- und Esszimmer kennen, den Salon und die Küche, werfen einen Blick ins Gesindezimmer, das Bad und das Wassercloset, verlieben uns in Details wie Vasen, Bestecke oder Kerzenleuchter – und all das ohne einen Menschenschwall: Wir geniessen diesen konzentrierten Jugendstil ganz allein.

 

Rund 1000 authentische Häuser aus dieser Epoche lassen sich in Riga bewundern. Wie so oft liegt der Sex im Detail. Wir versuchen, den Blick immer auf die wunderbaren Fassaden gerichtet, den Schlaglöchern zu entkommen. Und stolpern in eine Zeit, die Lettland schwer geprägt hat und der ein Museum gewidmet wurde: das Museum der Okkupation. Hier wird klar, was das baltische Herz schwer werden liess: Die Russen schnappten sich Lettland, kaum dass die prächtigen Jugendstilbauten fertig waren. Als dann in den 40er Jahre die Nazis kamen, atmeten die Letten auf und wähnten sich vom Joch der Unterdrücker befreit. Ein grober Irrtum. Hitler und die Seinen wollten hier deutsches Gedankengut etablieren und das Land für sich vereinnahmen. Die Letten ahnten im ersten Moment nicht, dass sie vom Regen direkt in der Traufe gelandet waren. Als allerdings fast 50 000 ihrer Landsleute jüdischen Glaubens deportiert und umgebracht wurden, war gewiss: die Katastrophe hat Einzug gehalten. Und als die Deutschen dann noch begannen, eigene Leute zur Besiedelung ins Land zu bringen, war jede Hoffnung perdu. Als die Russen 1944/45 wieder übernahmen, wurde klar: Alles verloren! 46 Jahre herrschten die Sowjets, bis heute sind die Letten nicht gut auf sie zu sprechen. Seit 1991 ist die junge Republik dabei, sich neu und für die Welt zu erfinden.

 

Wir verlassen das Museum mit viel neuem Wissen (all das war zu unseren Schulzeiten nie Thema in Geschichte und/oder Geographie) und wenden uns nach einem kurzen Stopp in einer prachtvollen orthodoxen Kirche der Handwerkskunst zu: In einem der zahlreichen Parks findet ein Markt statt, auf dem Decken und Hemden, Ketten und Puschen dargeboten werden. Etwas zu voll für unseren Geschmack, deshalb landen wir schon bald in der Skyline Bar des Radisson: Vom 26. Stock hat man bei einem Drink einen schönen Blick auf die Stadt. Wir geniessen, bevir ein Taxi uns ins Hotel bringt.

 

Unser letzter Tag in Riga war aufregend. 

 

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