Mitten ins Mittelalter

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Es hat die ganze Nacht geregnet. Entsprechend grau und ungemütlich ist es, als wir Épernay früh nach einem Kaffee, aber ohne Frühstück verlassen. Der Plan, unterwegs schnell mal ein Croissant zu schnappen, scheitert fast. All die Dörfer, durch die wir fahren, sind bäckerlos. Kein Baguette, keine Kneipe – die Franzosen machen sich das Leben schwer. Kurz vor Sézanne werden wir dann doch fündig und besichtigen dann die verwitterte Kathedrale Ste. Denise ohne Magenknurren. Was für ein Bau! Die ältesten Teile stammen aus dem 12. Jahrhundert, bis ins 16. wurde gebaut und verschönert. Seitdem ist offenbar ausser neuem Gestühl nichts gemacht worden. Der Charme des Mittelalters, der den ganzen Ort trägt. Ausser, man verlässt den Kern: da wird’s mit Automeile und McDonald’s auch gleich wieder neuzeitlich.

 

Über sanfte Hügel und unter sich durchkämpfender Sonne schlängeln wir uns nach Troyes, sprich Trois oder Troa. Wir hatten ein paar Bilder von wackeligen, uralten Fachwerkhäusern gesehen und sind deshalb hier. Was uns erwartet, ist viel mehr. Das pure Mittelalter mit Kirchen und Kathedralen, Gässchen und Skulpturen. Wir laufen Kilometer um Kilometer wie durch eine Zeitmaschine. Wirklich beeindruckend! Und dann sehe ich es: Das offenbar letzte echte, französische Ömchen. Klein und zierlich, frische Wasserwelle mit leichtem Blaustich, einer Spur Rouge zu viel, wohl, weil die alten Augen nicht mehr so mitmachen. Es trägt einen beigefarbenen Jacquardmantel und schwarze Lederschühchen mit schiefen Absätzen, dazu passend die Henkelhandtasche. Früher gab es diese Damen an fast jeder Ecke. Mal eleganter, mal bescheidener. Nun sind sie fast ausgestorben. Wie auch die obligatorischen Miniköter, die sie an der Leine führten. Naja, wenigstens ein Exemplar hat es geschafft! Die Omas von heute sind in der Regel zwar immer noch klein, aber dick und tragen Leggings, Pullover mit Bärchen und Sneaker. Das sieht dann genauso aus, wie es sich anhört.

 

Elegant geht es auf unserem nächsten Stpp zu, dem Schloss von Chaource. Hier ist ein Golfclub beheimatet und ich bin hingerissen vom Putting Green direkt vor dem Gebäude: Es windet sich um eine Putte. Das schreibe ich nur, weil es so gut zu Putting Green passt. In Wahrheit ist es schon eine kleine Skulptur. Wir gucken den Platz an, parlieren mit der Mademoiselle an der Rezeption und gehen wieder. Hier spielt man keine schnelle Runde, hier verbringt man einen Tag. Oder zwei.

 

Vorbei am Musée du fromage tuckern wir über kleinste Strassen, bei denen sogar heimische Treckerfahrer die Vorteile abwägen, über Ligny-le-Chapel nach Chablis, verlassen die Champagne für das Burgund. In Chablis ist nicht viel los, ausser ein paar saufenden Reisegruppen. Also die letzten zwanzig Kilometer nach Auxerre. Wieder ein mittelalterlicher Kern mit einem Dom hoch über der Yonne. Wir haben keine grosse Lust auf Zimmersuche und checken in ein ganz neues Ibis (budget, versteht sich…) direkt am Fluss ein. 

 

Der 34 000-Seelenort ist mal wieder hügelig, die Wanderung entsprechend anstrengend. Aber der Dom lohnt sich, ebenso die Altstadt. Uns hat zwar Troyes noch wesentlich besser gefallen, aber dafür kann Auxerre ja nichts. Wir Wanderer durch die Zeiten haben uns nun ein gutes Dîner verdient. Und da beginnt das Problem. Die meisten der wenigen Restaurants sind maghrebinisch oder libanesisch – da lauert das Lamm schon an der Tür auf mich. Ein, zwei einheimische Brasserien haben wir auch im Auge, landen aber endlich in einem Restaurant in einer Nebenstrasse. Lernen wir es denn nie? Wieso glauben wir wieder einmal, den Geheimtipp von Auxerre gefunden zu haben? Jedenfalls werden wir nicht fett, denn die Portiönchen sind überschaubar. Wir teilen als Vorspeise fois gras zum Teilen. Sie sind hier zwar stolz auf ihr selbstgebackenes Brot, aber ein Baguette vom gelernten Bäcker hätte es auch getan. Juan isst anschliessend Schweinebäckchen, serviert in Rotweinsauce im Mini-Le Creuset-Töpfchen. Mein Steak ist zwar nur so gross wie eine Kinderfaust – aber haben Gören so viele Sehnen? Rechts neben uns sitzt allein ein Herr über Steak frites und sagt mindestens dreimal „mon dieu“. Und das nicht vor Begeisterung. Versöhnt werden wir durch einen gut gekühlten Chablis und einer Pistazien-Crème brulée, die wir teilen. Eigentlich wollen wir noch einen Absacker in einer Bar nehmen, aber da sitzt der Steak-frites-Mann am Tresen und nimmt vor einem grossen Cognac übel. Also nach einem tollen Tag mit vielen bunten Bildern ab chez Ibis.

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